Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise?

Gastkommentar Raimund Brichta,
Börsenreporter n-tv

Corona hin, Corona her. Bis einschließlich Montag entsprach der Corona-Crash voll und ganz einer völlig normalen Börsenkorrektur. Einer Korrektur, wie wir sie in den vergangenen Jahren schon oft erlebt haben: Zuletzt 2015, 2016, und zweimal 2018 – also allein viermal in den vergangenen fünf Jahren.
Nicht jede Korrektur verläuft gleich, dennoch gibt es vergleichbare Verläufe. Diesmal waren es zwei Wochen Kursrutsch, die in einen „finalen“ Ausverkauf am Montag dieser Woche zu münden schienen. Nichts Besonderes also. Auch die Begleitmusik war wie immer: Es gab die Sorglosen, die die Kursschwäche zum Nachkaufen nutzten, und es gab die Besorgten, die es von Anfang an gewusst hatten und die prophezeiten, diesmal werde alles viel, viel schlimmer. All das habe ich in diesem Blog in den vergangenen 5 Jahren zur Genüge erlebt.

Auch der vergangene Dienstag konnte noch als ein erwartbarer und halbwegs gelungener „Turnaround Tuesday“ durchgehen. Denn immerhin erholte sich der S&P 500 an diesem Tag um fast 5%. Aber schon am Mittwoch zeichnete sich mit der erneuten Kursschwäche an der Wall Street eine Anomalie ab, die sich am heutigen Donnerstag dann brutal bestätigte.

Anomalien haben die Eigenschaft, dass sie dem aufmerksamen Beobachter Warnzeichen geben. Und dieses lautet: Dieses Mal könnte es mehr werden als eine normale und heftige Korrektur. Die Börsen beginnen von jetzt an eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise einzupreisen. Wie lange sie dauert und wie tief sie wird, das lässt sich wie immer im Vorhinein nicht sagen. Sicher ist aber, dass die Börsen selbst dazu einen wesentlichen Beitrag leisten können.

Auch die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre begann mit einem Börsencrash. Und damals leisteten die Notenbanken dieser Krise Vorschub, in dem sie auf diesen Crash und die damit einhergehende Kreditklemme nicht angemessen reagierten. Sie blieben zu lange passiv.

Dieses Mal ist die Lage noch komplizierter, da durch die Corona-Epidemie gleichzeitig ein Schock droht, der von der realen Wirtschaft ausgeht. Ein Schock der Realwirtschaft und ein Schock der Finanzwirtschaft – das ist ein gefährlicher Cocktail, der zu explodieren droht.

Deshalb ist es wichtig, dass Regierungen und Notenbanken von nun an beherzt gegensteuern, um das Schlimmste zu verhindern. Die halbherzigen – und zudem von Christine Lagarde noch äußerst ungeschickt präsentierten – Maßnahmen der EZB reichen nicht. Das Gleiche gilt für die homöopathischen Dosen Medizin, die die Bundesregierung zunächst angekündigt hat.

Aber nun scheint Angela Merkel verstanden zu haben: Am Abend sagte sie, die Situation sei „außergewöhnlicher“ als in der Bankenkrise. „Brenzliger“ wäre wohl der passendere Ausdruck gewesen. Aber da Merkel auch in der Bankenkrise zu außergewöhnlichen Maßnahmen gegriffen hat – Stichwort Bankenrettung -, weckt sie damit zumindest die Hoffnung, dass sie auch diesmal nicht kleckern, sondern klotzen wird. Die Schwarze Null und später auch die Schuldenbremse werden in diesem Sturm vermutlich schnell hinweggefegt.

Und die Notenbanken werden nicht nur – wie von mir seit Jahren angekündigt – ihre Bilanzsummen weiter aufblähen, um damit die angeschlagene Finanzwirtschaft zu stützen, sie werden vermutlich auch ganz neue Instrumente einsetzen. Die EZB zum Beispiel dürfte ihren Leitzins zum ersten Mal unter null drücken, und sie dürfte früher oder später auch mit Aktienkäufen in großem Stil beginnen. Ihr Pulver hat sie jedenfalls noch lange nicht verschossen, wie viele Experten immer wieder behaupten. Helikoptergeld dürfte es allerdings erst in der nächsten Krise geben.

Was bedeutet das aber nun für unsere Wahre-Werte-Strategie? Gemäß unserer vorsichtigen Haltung, die wir schon im Januar an den Tag gelegt hatten, haben wir am Rosenmontag – also noch relativ weit oben – die Sicherheitsnetze aufgespannt. Am Dienstag haben wir diese dann vorübergehend eingerollt, weil dem vermeintlichen finalen Ausverkauf vom Montag – nach der Normalerwartung – eine Erholungsphase hätte folgen müssen. Die Anomalie am Mittwoch hat uns dann aber sofort dazu veranlasst, die Netze wieder aufzuspannen. Nun sind wir also wieder voll gesichert und können die weitere Entwicklung in Ruhe abwarten.

Denn selbst wenn wir tatsächlich am Vorabend einer Weltwirtschafts- und Finanzkrise stehen sollten, wie es die Börsen zuletzt signalisierten, wird es auch in dieser Krise Phasen mit Kurs-Chancen geben. Selbst dem Crash von 1929 folgte erst noch eine monatelange Kurserholung, bevor die Krise sich weiter fortsetzte und dann ihren Lauf nahm. Und trotzt aller Anomalien gilt noch immer diese Normalerwartung: Nach einem Crash folgt eine Gegenbewegung. Stay tuned!

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