Die Billionen-Ralley hat begonnen

Gastkommentar Raimund Brichta,
Börsenreporter n-tv

Manch einer meint, bei der Börsenerholung seit den März-Tiefs handele es sich nur um eine Bärenmarktralley. Das würde bedeuten, sobald die Erholung ausgelaufen wäre, würde sich der Kursverfall fortsetzen und die Märkte auf neue Tiefststände führen. Ich hege allerdings immer größere Zweifel daran, und zwar aus folgendem Grund:

Die Industrieländer reagieren mit Krisenbewältigungs- und Wiederaufbauprogrammen in nie dagewesenem Ausmaß. Welchen Umfang diese Programme tatsächlich erreichen werden, lässt sich zwar jetzt noch nicht verlässlich sagen, aber insgesamt dürften dabei deutlich mehr als 5 Billionen zusammenkommen. (Ob Euro oder Dollar spielt in diesem Fall keine Rolle). Über 5 Billionen, die vorher nicht vorhanden waren – quasi aus dem Nichts geschaffen.

Allein die amerikanische Notenbank hat seit Mitte Februar 2,5 Billionen Dollar neu produziert. Ihre Bilanzsumme stieg nämlich von rund 4 auf etwa 6,5 Billionen Dollar:

Dieses erneute Aufblähen der Bilanzsumme bedeutet im Klartext: In diesem Umfang wurden neue Dollars in die Wirtschaft gepumpt. Und wir alle wissen, dass dies noch lange nicht das Ende sein wird – nicht in den USA, nicht in Europa und auch nicht in Asien.

Die riesigen Gelddruckorgien der Notenbanken sind auch dringend nötig.

Denn mit ihnen müssen die gleichzeitig stattfindenden Neuverschuldungsorgien der Regierungen finanziert werden. Dadurch können die Staaten neue Schulden machen, ohne den privaten Schuldnern bei deren Finanzierungsplänen in größerem Ausmaß ins Gehege zu kommen. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass unser Finanzsystem vorzeitig kollabiert.

Der Kollaps wird zwar kommen, aber noch nicht jetzt. Bei dieser Prognose bleibe ich. Doch zurück zur Börse:

Anders als nach dem zweiten Weltkrieg gibt es kein vernichtetes Sachvermögen, das mit den Billionen wieder aufgebaut werden müsste. Corona hat kein einziges Schiff oder Flugzeug, keine Brücke und auch keine Fabrik zerstört. Und bisher wurde auch kein Geldvermögen in größerem Ausmaß vernichtet. Dazu käme es erst, wenn eine Welle von Pleiten einen Domino-Effekt wie in der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre auslösen würde. Aber schon kurz darauf folgten Regierungen und Notenbanken meinem Appell, „beherzt gegenzusteuern, um das Schlimmste zu verhindern“. Damit wurde die Gefahr gebannt. Und sollte sie dennoch erneut aufkommen, würden höchstwahrscheinlich weitere Billionenbeträge lockergemacht.

Nun muss man Folgendes wissen:

Neu geschaffenes Geld ist gleichzeitig auch neues Geldvermögen. Denn wer über das Geld verfügt, verfügt über Vermögenswerte. Dass diesem Vermögen auf der anderen Seite auch neue Schulden gegenüberstehen, dürfte die Leser dieses Blogs kaum überraschen – denn das ist selbstverständlich.

Allerdings:

Die neuen Schulden schultern hauptsächlich Regierungen und Notenbanken, das Geldvermögen kommt dagegen vor allem der Privatwirtschaft zugute. Wir sehen also eine Umverteilung vom Staat in die Privatwirtschaft in gigantischem Ausmaß. Irgendwann wird der Staat zwar versuchen, sich das Geld – oder zumindest einen Teil davon – wieder zurückzuholen, aber so weit ist es noch nicht. Jetzt ist erst einmal Umverteilung angesagt. Es wäre auch sinnlos, das Geld zu verteilen und es sich gleichzeitig wieder zurückzuholen.

Von der Umverteilung dürften die Aktienmärkte erneut stark profitieren – ähnlich wie sie auch von den Geldspritzen in und nach der Finanzkrise profitiert haben. Coronakrise und Finanzkrise unterscheiden sich zwar, aber in dieser Hinsicht führen sie zu vergleichbaren Konsequenzen.

Klar ist auch:

Rückschläge und größere Börsen-Korrekturen (etwa bei neuen Infektionswellen) dürfte es auch auf diesem Weg geben. Vielleicht steht der nächste Rückschlag sogar schon vor der Tür. Aber an den Grundfesten der Billionen-Rally dürfte das nicht rütteln. Stay tuned!

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