Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Kutzers Zwischenruf:
Aktien weiter treu bleiben, aber risikobewusst

Prüfen Sie jetzt Ihre Risikobereitschaft, geschätzte Anleger! Vergleichen Sie dabei die Signale aus dem Kopf mit dem Bauchgefühl. Mich lassen schon seit Wochen zwei Entwicklungen nicht mehr los (und jetzt täglich intensiver) – Inflation und Pandemie. Beide sind in hohem Maß gefährlich, aber kaum berechenbar. Und an beiden hängt viel für uns alle. Deshalb fühle ich unwohl, wenn ich immer wieder mal erwähne, langfristig ein hartnäckiger Optimist zu bleiben. Das zunehmend krisenhafte Umfeld verlangt nach Lösungen, nach Maßnahmen der Politik, aber auch aller Betroffenen. Das Mindeste ist Vertrauen.
 
Börsianer fragen sich immer unsicherer werdend, wie lange die Märkte noch so robust bleiben können. Insbesondere die anhaltenden Kletterpartien der Aktien auf immer höhere Kursgipfel sind erstaunlich. Corona wird seit Wochen ausgeblendet – wie kann das sein? Vorsicht, liebe Leser! Denn trotzdem kann sich die Stimmung von heute auf morgen verändern. Wer Zeit und Lust hatte, das pandemische und politische Geschehen heute zu begleiten, kann nicht länger cool bleiben. Dazu nur ein Satz: Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hat ein dramatisches Bild der Corona-Lage in Deutschland gezeichnet. „Wir laufen momentan in eine ernste Notlage.“
 
Springen wir über den Atlantik. Dort sinkt das Vertrauen in die Geldpolitik der Federal Reserve. Mit den aktuellen Inflationsraten sind auch die Prognosen für die künftige Entwicklung der Verbraucherpreise nach oben geschossen. Laut einer Befragung der Universität Michigan erwarten Privathaushalte in den USA für die kommenden fünf bis zehn Jahre eine Inflationsrate von 3,7 Prozent pro Jahr. Das liegt deutlich über dem Zielwert der Notenbank von 2 Prozent. Dass immer weniger der Fed zutrauen für Preisstabilität zu sorgen, zeigt auch eine andere Erhebung: Danach haben 43 Prozent der Befragten ihr Vertrauen in die US-Geldpolitik in den vergangenen fünf Jahren verloren – einen ähnlich starken Vertrauensschwund gab es zuletzt im Umfeld der Weltfinanzkrise.
 
Erstmals seit Juni kletterten die Goldpreise vorübergehend über die Marke von 1.875 Dollar je Feinunze; in Euro erzielten sie sogar ein 15-Monats-Hoch. Gold wird momentan als „Inflationsschutz“ stark nachgefragt, berichten Marktteilnehmer. Doch sorgt das nicht für einen steilen Preisanstieg des edlen Metalls. Bereits vor Veröffentlichung der US-Verbraucherpreisinflation – die mit 6,2 Prozent höher als erwartet ausfiel – hatten sich spekulativ orientierte Großanleger an den Terminmärkten mit Kaufpositionen in Gold positioniert. Das Volumen der entsprechenden Kontrakte war kurz zuvor sprunghaft auf das höchste Niveau seit Jahresbeginn angestiegen. Nachdem die US-Inflationsrate veröffentlicht worden war, fielen die Realzinsen – die Nominalzinsen abzüglich der erwarteten Inflation – deutlich, weshalb es zu Anschlusskäufen kam. Viele Marktbeobachter erwarten in absehbarer Zeit einen Anstieg der Nominalzinsen und möglicherweise erste Leitzinserhöhungen der US-Notenbank in der zweiten Jahreshälfte 2022. Dies könnte den Anstieg der Goldpreise ebenso wie den momentan aufwertenden Kurs des Dollars mittelfristig ausbremsen. Auf kurze Sicht lässt die starke Nachfrage weitere Kursanstiege möglich erscheinen.
 
Aber was tun mit dem Aktiendepot? Das habe ich kürzlich einem flüchtigen Bekannten gesagt, der einen ausgesprochen nervösen Eindruck machte: Betrachten Sie Aktien weiterhin als Kernanlage. Checken Sie mal Ihr Depot durch und halten an Titeln fest, denen Sie ungeachtet der kurz- bis mittelfristigen Unsicherheit vertrauen. Trennen Sie sich von den Verlierern. Und wenn alle im Plus liegen sollten, können Sie einen Teil der angefallenen Gewinne realisieren.
Zur Begründung zitiere ich heute Dr. Gertrud R. Traud, die Chefvolkswirtin der Helaba: „Am Aktienmarkt geht kein Weg vorbei.“ Das passt auch zum „TINA“- Motto: „There Is No Alternative.“

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