Gudesstraße 3- 5

29525 Uelzen

0581 / 973 696 00

Termine nach
Vereinbarung

Der Clubfonds-Ticker

117,44 EUR

Gudesstraße 3- 5

29525 Uelzen

0581 / 973 696 00

Termine

nach Ver­ein­ba­rung

Kutzers Zwischenruf: Jetzt Aktien kaufen – aber mit viel Geduld!

Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Es gibt gute Nachrichten für Anleger: Die deutsche Aktie wird aufgewertet! In der breiten Öffentlichkeit nur wenig beachtet (kein Wunder angesichts der Inflations- und Krisenstimmung) hat die Bundesregierung Eckpunkte eines geplanten „Zukunftsfinanzierungsgesetzes“ vorgestellt. Damit soll die Aktie als Anlage- und Finanzierungsinstrument in Deutschland für einen deutlich größeren Kreis von Menschen attraktiver und den Finanzplatz Deutschland für Unternehmen wettbewerbsfähiger gemachen werden. Lob. Nur: So etwas hätten wir schon viel früher gebrauchen können. Das Deutsche Aktieninstitut kann endlich laut in die Hände klatschen. Anlass zum Jubeln bietet insbesondere die Absicht, Kursgewinne von Privatanlegern bis zu einem Freibetrag wieder steuerfrei zu stellen. Dies trägt wesentlich dazu bei, den Aktienbesitz attraktiver zu machen.

Das ist also jetzt in der Planung. Die Anleger selbst brauchen darauf aber nicht zu warten, sondern können schon heute ihre finanzielle Zukunft (Altersvorsorge!) sichern oder verbessern, indem sie langfristig (wirklich gaaanz langfristig!) in Aktien investieren. Es gilt also, mit einer entsprechenden Einmalanlage oder – besser noch – einem Aktien- bzw. Aktienfondssparplan die Gunst der schwachen Börsenstunde zu nutzen. Wer über Jahrzehnte hinweg schaut, braucht sich aktuell keine grauen Haare wachsen zu lassen. Gewiss, die hinter und liegenden Monate waren für die Börse hundsmiserabel. Fachwelt und Medien beschäftigen sich schweißtreibend mit der Frage, ob man sich jetzt noch schnell von seinem Depot trennen oder es antizyklisch aufstocken sollte. Denn dass sich ein langer Atem an den Börsen auszahlt, ist kein Geheimnis. Aber es dominiert leider das Kurzfristig-Denken, aktuell haben die meisten Anleger einen kurz- bis mittelfristigen Horizont.

Dabei sollte gerade in diesen Tagen von möglichst vielen Experten das Erfolgsrezept Nummer 1 der Börse propagiert werden: die Geduld. Vorbildlich zum Beispiel die Strategen von M.M. Warburg & Co., die Einmalanlage und Sparpläne analysiert haben. Letztendlich sind bei der Wahl zwischen den Strategien das eigene Wohlbefinden und Risikoprofil sowie die persönliche Vermögensausstattung entscheidend. Aber wie man sich auch entscheidet: Historisch betrachtet haben sich beide Anlagestrategien ausgezahlt. Auch temporäre Rücksetzer (einschließlich tiefer Kurseinbrüche) an den Aktienmärkten, so wie aktuell zu beobachten, ändern diese Grundaussage nicht. Ich teile die dringende Empfehlung der Hamburger Banker: Anleger sollten für die private Vorsorge besonders geduldig sein und einen Anlagehorizont von mindestens 10 Jahren – besser 15 Jahren – mitbringen. Denn es lohnt ich nach wie vor (besser: gerade jetzt), in Aktien zu investieren, selbst wenn der Gegenwind kurzfristig spürbar zugenommen hat.

Kutzers Zwischenruf: Ein Tiefdruckgebiet mit schweren Sommergewittern

Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Meine letzte Headline an dieser Stelle („Nach der Vorsicht kommt die Zuversicht“) klang den Börsen-Bären vielleicht noch zu zuversichtlich. Deswegen schiebe ich ein zumindest saisonal passendes Bild aus dem Wetterbericht nach: Wir erleben Tiefdruckgebiete mit teils schweren Sommergewittern. Eine Überraschung? Versuchen wir doch einmal, die klassischen Fundamentalfaktoren zu vernachlässigen. Also keine Vergleiche von KGVs und ähnlichen Kriterien. Trotzdem die Frage: Stehen die Kurse (noch) hoch oder (schon) niedrig, sind die Aktien also trotz empfindlicher Verluste ziemlich teuer oder bereits billig? Humorlose Analysten mögen den Kopf schütteln, wenn man sich derart unsystematisch einer Antwort nähern möchte.

Der bisherige Verlauf 2022: Die Mehrheit der Fachwelt hat sich geirrt. Auch die Damen und Herren Notenbanker. Doch ist das keine Überraschung angesichts der unberechenbaren und schwerwiegenden Veränderungen des geopolitischen und wirtschaftlichen Umfelds. Die Halbjahresbilanz der Welt-Aktienmärkte ist miserabel: ein Kursrutsch von grosso modo 20 %. Aber das allein ist es ja nicht, denn neben dem Aktienmarkt standen auch fast alle anderen Anlageklassen unter Verkaufsdruck – vom Rentenmarkt bis zum Bitcoin. Enttäuschend (trotz Krisenstimmung) selbst das blasse Gold. Und die Realzinsen bleiben auf absehbare Zeit negativ. Wohin also mit dem Geld? Auch wenn die seit langem heißdiskutierte Zinswende der großen Notenbanken mittlerweile eingeleitet wurde, wäre es kein Wunder gewesen, wenn die Märkte schon früher und noch heftiger reagiert hätten. Aber es gibt ja auch so etwas wie den Gewöhnungseffekt.

Aber es geht um mehr, viel mehr! Der Krieg in Europa und neue Pandemiewellen sind zwei katastrophal wirkende Entwicklungen mit globaler Ausstrahlung – direkt oder mittelbar. Die Folgen erweisen sich als unkalkulierbar – allen voran die historisch hohe Inflation, die Explosion der Energie- und Lebensmittelpreise (mit drohender Verknappung). Die Armut nimmt selbst in Deutschland zu. Zeitlich parallel breitet sich auf der stündlichen Halbkugel die entsetzliche Hungersnot dramatisch aus, wird das Trinkwasser (trotz der Unwetter) sogar in einigen Regionen Europas und auch hierzulande gefährlich knapp. Wichtig ist zu erkennen, dass diese gewaltigen Herausforderungen miteinander verbunden sind. Allein die mit der Inflation entstandenen Probleme werden die Staatsverschuldung in unbekannte Höhen treiben.

Nein, die Talsohle der Börsenkurse dürfte noch nicht erreicht sein. Ob es im Verlauf des zweiten Halbjahrs wieder aufwärts gehen wird? Gut möglich, aber nicht absehbar. Ich würde keine großen Beträge darauf wetten.

Kutzers Zwischenruf: Nach der Vorsicht kommt die Zuversicht

Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Doch, trotz der immer noch vorherrschenden Unsicherheit an den Börsen gibt es auch Futter für die Bullen. Entscheidend ist, ob sie Geduld aufbringen und zunächst noch tiefere Kurse ertragen können. Jüngste Analysen machen zumindest deutlich, dass nur mit Wenn und Aber eine Meinungsbildung sinnvoll erscheint. Das wiederum sollte die individuelle Strategie und Taktik maßgeblich beeinflussen. Auffallend ist, dass der Krieg und seine denkbare Eskalation in den Vorschauen der Experten keinen breiten Raum einnehmen. Aber wer kann (wer wollte) den Verlauf dieses Konflikts schon vorzeichnen?

Bemerkenswert konkret sind die Strategen von M.M. Warburg & Co., die sich mit der möglichen Differenzierung der Börsentendenz beschäftigen. Das halte ich für wichtig, denn auch die Anleger sollten nicht nur den zeitlichen Horizont ihres Investments festlegen, sondern das Kaufen und Verkaufen auch mit der Börsenstimmung verbinden. Fazit: „Trotz der bereits hohen Kursverluste an den Aktienmärkten raten wir im Moment weiterhin zur Vorsicht. Der Dax dürfte in absehbarer Zeit nochmal seinen Jahrestiefstand bei rund 12.400 Punkten in Angriff nehmen.“ Sollte dieses Niveau nicht halten, stellt der Buchwert bei knapp 10.000 Punkten im Worst-Case-Szenario die entscheidende Auffanglinie dar. Diese hat in den beiden großen Abschwüngen im Jahr 2002 und 2008 als untere Begrenzung gehalten, spätestens dann muss man die Aktienquote wieder erhöhen. Da man den unteren Wendepunkt ohnehin nur mit Glück erwischen wird, sollte man auch in dieser Marktphase ein Basisportfolio aus wenig konjunkturabhängigen Aktien mit guter Preissetzungsmacht halten.

Eine Alternative: Kommt es nicht zu einer Rezession oder bildet sich die Inflation schneller als momentan erwartet wieder zurück, würde dies den Weg für eine deutliche Kurserholung ebnen. Hat man dann keine Aktien im Depot, läuft man der Erholung hinterher. Zudem gilt auch in dieser schwierigen Marktphase: Langfristig dominiert an den Aktienmärkten der Aufwärtstrend. Bislang wurden alle in Krisenzeiten entstehenden Kursverluste wieder aufgeholt und Anleger dafür entschädigt, durch ein Tal der Tränen zu gehen. Die Vordenker von Warburg sind (wie ich) überzeugt davon, dass es auch diesmal so sein wird.

Ähnlich zeichnen internationale Asset Manager das Bild. Die allgemeine Aktienstimmung ist jetzt auf einem Niveau, das man normalerweise als konträres Kaufsignal betrachten würde. Ein Blick auf die Positionierung der Anleger zeigt jedoch ein anderes Bild. Auch wenn Aktien, Kredite und die meisten anderen Risikoanlagen jetzt günstiger sind als zu Jahresbeginn, scheint es noch zu früh zu sein, um Positionen deutlich aufzustocken. Eine nachhaltige Erholung der Risikobereitschaft und der Risikoanlagen lässt sich nur schwer begründen, solange es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Inflation ihren Höhepunkt überschritten hat, die Arbeitsmärkte sich abkühlen und die Zentralbanken in einer Weise reagieren, die hoffen lässt, dass sie den Widrigkeiten trotzen und eine weiche Landung herbeiführen können. Bis dahin dürften Risikoanlagen weiterhin unter Bewertungsdruck stehen – durch steigende Realrenditen und negativen Einfluss der wirtschaftlichen Wachstumsabschwächung.

PS.: China steht wieder im Fokus. Bei der regionalen Einschätzung sind in den vergangenen Tagen gleich mehrere Kaufempfehlungen internationaler Vermögensverwalter für chinesische Aktien (mein alter Favorit) vorgelegt worden. Die haben ihre Baisse schon hinter sich.

Über allen Gipfeln ist Ruh

Ein Kommentar von Torsten Arends, Geschäftsführer NDAC-Anlegerclub

Goethe hatte zwar bei seinem Gedicht nicht die politischen und militärischen Gipfel im Sinn, aber wir können uns durchaus vorstellen, dass nach so vielen Gipfeln sich Gipfelstürmer und Bundeskanzler Olaf Scholz ja doch ein wenig Ruhe wünschen wird. Aber noch steht der G20-Gipfel am 15./16. November 2022 in Nusa Dua auf Bali in Indonesien aus. Aber zwischendurch ist sicher erst einmal Urlaub angesagt im Kanzleramt.

Natürlich ging es bei all diesen Gipfeln in der Hauptsache um Sicherheitsfragen. Die russische Intervention in der Ukraine stellte die Hilfe für das überfallene Land in den Mittelpunkt. Das war notwendig. Zum einen wegen der russischen Übermacht und zum anderen, weil der Hauptunterstützer USA wegen der im November stattfindenden Zwischenwahlen vielleicht nicht mehr derselbe sein dürfte wie gegenwärtig.

Eigentlich war der Klimawandel das große Problem, was bewältigt werden sollte. Aber es spielte nur am Rande eine Rolle. Einen Vorschlag hatte der Bundeskanzler Olaf Scholz jedoch mitgebracht. Die Gründung eines weltweiten Klimaclubs, der auf dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau beschlossen wurde. Wer in diesen Club kommt, soll profitieren: von guten Handelsbeziehungen mit den G7. Die Mitgliedschaft soll letztlich die Welt vor dem Klimakollaps bewahren, in dem sich beitretende Staaten zu schärferen Klimaschutzmaßnahmen verpflichten. Starten soll das Projekt bereits Ende 2022. Klingt zwar gut, aber ihr Autor zweifelt wie viele andere Experten an der Realisierung des Klubs. Nicht falsch verstehen, es ist keine schlechte Idee. Nur sind die Clubgründer selbst noch keine wahren Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Kein einziges der G7-Länder hat selbst ausreichende Ziele und Maßnahmen formuliert, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Und das, obwohl diese einflussreichen Industrienationen historisch gesehen einen erheblichen Teil der Schuld am Klimawandel tragen. Solange sie also ihre eigenen Ziele nicht an diesen Vorgaben ausrichten, bleibt ihre Politik scheinheilig und lädt nicht unbedingt zum Mitmachen anderer Länder ein. Wir werden sehen, ob und mit welchen Regeln der Klub gegründet und wie lange bestehen wird.

Eine weitere, zwar gut gemeinte Aktion des US-Präsidenten steht auf wackligen Füßen. Denn das angekündigte Goldembargo dürfte dem Kreml kaum wehtun. Das drohende Importverbot der G7-Staaten für russisches Gold wird von russischer Seite zwar als “unrechtmäßig” bezeichnet, aber das ist nur Theaterdonner. Moskau wird sich neue Abnehmer suchen. Indien steht da wohl an erster Stelle, schließlich ist dort bald Hochzeitssaison und auch in anderen Ländern gibt es viele Liebhaber des gelben Metalls. Den Goldpreis hat Bidens Ankündigung jedenfalls nicht beeindruckt.  

 

Wow, da kann sich die EZB aber auf die Schulter klopfen, die Inflationsrate in Deutschland ist auf 7,6 Prozent gesunken. Nur durch die Ankündigung einer neuen Zinspolitik wurde das Kunststück vollbracht. Richtig, die Inflationsrate ist zwar minimal gesunken, aber Fakt ist, hier wirken sich das 9-Euro-Ticket und auch der Tankrabatt aus. Also nichts mit Schulterklopfen. Im Gegenteil, Christine Lagarde ist überzeugt, dass sich die Inflationsdynamik im Euro-Raum dauerhaft verändert hat. „Ich glaube nicht, dass wir in ein Umfeld niedriger Inflation zurückkehren werden“, sagte die Präsidentin der EZB am Mittwoch. Lagarde verwies darauf, dass die EZB es in den vergangenen zehn Jahren mit einer zu niedrigen Inflation und anderen Rahmenbedingungen zu tun gehabt habe. Die EZB-Chefin räumte zudem ein, dass die Notenbanken mit Demut auf ihre früheren Inflationsprognosen zurückblicken müssten. Die Währungshüter hatten bekanntlich für dieses Jahr lange Zeit einen deutlichen Rückgang der Inflation vorhergesagt. Auch US-Notenbankchef Powell vertrat die Position, dass die Wirtschaft heute „ganz anders“ sei als vor der Pandemie – mit vielen Angebotsschocks, einer höheren Teuerung und einer starken globalen Inflationsdynamik. Die Notenbank sieht Preisstabilität bei einer langfristigen Inflationsrate von zwei Prozent. „Das größte Risiko für die Wirtschaft wäre es, wenn es uns nicht gelingt, Preisstabilität wiederherzustellen“, sagte der Währungshüter. Ziel der Fed sei es aber, die Zinsen anzuheben, ohne eine Rezession auszulösen. „Wir glauben, dass dies möglich ist.“ Das klingt doch schon mal gut, vielleicht sollte er den Weg dazu an seine europäische Kollegin weitergeben.

Und es gibt eine neue Wortschöpfung an den Märkten, Gewinnrezession. Das bedeutet, dass die Gewinne der Unternehmen deutlich sinken und zwei Quartale hintereinander zurückgehen werden. Das Problem: Die Börsen spiegeln dieses Risiko noch nicht wider. Damit drohen neue Rückschläge bei Aktien. Wir wissen, dass die Aktien vor allem ein reelles Bewertungsproblem hatten. Wenn sich jetzt noch einmal die Profitentwicklung bei Aktien verschlechtern, dann werden sie in der Regel verkauft und es drohen neue Turbulenzen an den Märkten.

Wenigstens auf die Profitgier der OPEC+ kann man sich verlassen. Beim Treffen der 20 Mitgliedsländer wird eine Erhöhung der Fördermenge erwartet. Für Juli hatte die Allianz ein Produktionsplus von täglich 648.000 Barrel (je 159 Liter) beschlossen. Ein ähnlicher Schritt ist für August bereits ins Auge gefasst worden. Das beruhigt irgendwie, denn der Schmierstoff, der die Welt zusammenhält, ist auch ein Konjunkturbarometer. Erdöl wird also weiter stark nachgefragt.

Schnelle Rezession wäre wünschenswert – Gastkommentar Stefan Riße, Finanzanalyst und Börsenkorrespondent für “N-TV”

 

Gastkommentar von Stefan Riße, Finanzanalyst und Börsenkorrespondent für “N-TV”

 

Es kann wohl heute zweifelsfrei festgestellt werden, dass insbesondere in den USA fiskalisch sowohl als auch geldpolitisch in der Coronakrise mit der Bekämpfung dieser maßlos übertrieben wurde. Wie man auf die Idee kommen konnte, bei absehbar verringertem Angebot durch Produktionsunterbrechung, gestörte Lieferketten und weitestgehend geschlossener Serviceindustrie wie Reisen oder Restaurants den Bürgern durch Helikopter-Geld mehr Einkommen zukommen zu lassen als sie normalerweise gehabt hätten, lässt sich nur noch schwerlich erklären. Es war wohl die schiere Panik vor der größten Rezession aller Zeiten. Hier hat sich das deutsche System des Kurzarbeitergeldes am Ende doch wieder als überlegen erwiesen. So wurde Massenarbeitslosigkeit vermieden, ohne dass Eingriffe wie in den USA notwendig wurden. Die USA als immer noch größte Volkswirtschaft der Welt haben mit ihrer Politik jedenfalls ein Inflationsproblem geschaffen, dass nun genauso das Verbrauchervertrauen abstürzen lässt, wie dies in der Coronakrise der Fall war.

Das Pendel schlägt zu beiden Seiten immer gleich stark aus
Keine Frage, noch befindet sich die US-Wirtschaft in einer Boomphase, betrachtet man den Arbeitsmarkt. Das liegt aber nicht etwa daran, dass die Beschäftigtenzahl sich auf einem Höchststand befindet, sondern daran, dass viele ehemalige Beschäftigte wohl noch immer vom Helikopter-Geld zehren. Denn die Beschäftigtenzahl insgesamt liegt unter der von vor der Corona-Pandemie. Die Knappheit an Arbeitskräften sorgt nun für steigende Löhne und die sogenannten Zweitrunden-Effekte als Ausgleich für die Inflation werden ihr weiteres dazu beitragen. Doch Abschwächungstendenzen sind bereits in den Einkaufsmanagerindizes und in der zunehmenden Ankündigung von Massenentlassungen erkennbar.

Auch die Lieferkettenprobleme lösen sich zunehmend auf wie auch die Schiffs-Schlangen vor den Häfen in Los Angeles und Shanghai. Das ging schneller als zu erwarten war, denn die neuerlichen Lockdowns in China ließen schlimmeres befürchten. Es dürfte aber auch ein Anzeichen dafür sein, dass die Abschwächung der Nachfrage bereits eingesetzt hat. In den vergangenen Wochen wurden die Waren zu einem großen Teil auch nicht mehr geordert, um die Nachfrage zu befriedigen, sondern um die Läger aufzufüllen. Hier sitzt der Schock in den Unternehmen immer noch tief, aus der Erfahrung nicht mehr liefern oder wegen mangelnder Vorprodukte nicht mehr produzieren zu können. In Europa mussten die Wachstumserwartungen wegen des Ukraine-Krieges und der Energiekrise, die durch ihn ausgelöst wurde, ohnehin zurückgenommen werden. Und auch wenn China das Corona-Problem nun wieder unter Kontrolle hat, es bleibt die deutlich abgekühlte Baukonjunktur, die das Wachstum in China weit unter das Niveau der vergangenen Jahre drücken wird. Schließlich macht dieser Sektor ein Drittel der gesamten Konjunktur aus. Und auch die Talfahrt an den Aktien- und Anleihemärkten dürfte auf die Nachfrage drücken.

Nimmt man zum Beispiel in den USA die Verluste an den Aktienmärkten und Anleihemärkten zusammen, wurde mehr Vermögen vernichtet als in jedem Börsen-Crash zuvor. Haben die Bürger weniger Vermögen, nehmen Sie in der Regel auch weniger Kredite für den Konsum auf. Kurzum, für mich sieht es so aus, als dass die Weltwirtschaft schneller in eine Rezession und wegen der hohen Inflation damit in eine Stagflation abgleitet als dies bisher offiziell prognostiziert wird. Das Pendel dürfte in Bezug auf das Wachstum auf der Negativ-Seite genauso weit ausschlagen, wie zuvor auf der positiven.

Notenbanken gänzlich entzaubert
Immer wieder haben die Zentralbanken dieser Welt nach Indikationen gesucht, die Ihnen frühzeitig Aufschluss über die kommende Inflationsentwicklung geben. Die meist probierte war die Geldmengen-Steuerung. Doch auch sie hat versagt, weil im globalisierungsbedingt deflationären Umfeld die Geldmenge über Jahre deutlich schneller wuchs als die Wirtschaft nominal und die Inflation trotzdem nicht anspringen wollte. Auch der Blick auf Einkaufsmanagerindizes, auf die Arbeitsmarktzahlen, am Ende hat nichts wirklich auf Dauer funktioniert. Und so ist die US-Notenbank, und andere sind ihr gefolgt, einfach auf die Inflationssteuerung anhand der Inflationsdaten gewechselt. Damit laufen sie diesen dann aber eben auch einfach nur schlicht hinterher und müssen, wie seit rund einem Jahr zu beobachten, jeden Monat ihre Politik und ihren Ausblick anpassen. Diese Geldpolitik könnte auch ein Computer übernehmen. Wenn man aber mal genau hinschaut, dann sieht man, dass die Dinge gerade in jüngster Vergangenheit viel schneller passieren als Wirtschaftswissenschaftler und Notenbanken dies für möglich halten. Und so käme ein schnelles Abkippen in eine Rezession und in eine Stagflation für mich nicht überraschend. Sie wäre aus Sicht des Aktienmarktes sogar wünschenswert. Dann würde eine plötzlich schrumpfende Wirtschaft den Fokus der Notbanken auch wieder auf Rezessions- und nicht nur auf Inflationsbekämpfung legen. Damit die Börse aber nicht nur eine Erholungsrallye starten kann, sondern wir wieder in Richtung neuer Rekordkurse laufen, müssten vor allem die Staatsanleiheverkäufe aus der Bilanz der amerikanischen Notenbank gestoppt werden.

Das wäre sicherlich die wichtigste Maßnahme neben einem Ende der Zinserhöhungen oder unter Umständen dann auch wieder Zinssenkungen. Eine Rezession würde natürlich auch die Nachfrage stark abbremsen und somit Linderung an der Inflationsfront bringen. Blieben die Energiepreise auf dem aktuellen Niveau und stiegen nicht weiter an, würden entsprechend im Februar 2023, also ein Jahr nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges, die viel beschworenen Basiseffekte einsetzen. Das würde den entsprechenden Spielraum für die Notenbanken schaffen, plötzlich wieder von der Bremse zu gehen und auf das Gaspedal zu treten. Das wäre dann wieder das perfekte Umfeld für die Aktienmärkte. Viel schlimmer wäre es nämlich, würde die Wirtschaft weltweit zumindest so stark wachsen, dass die Notenbanken weiter restriktiv agieren. Dann fehlte gänzlich die Überschussliquidität, die für jede Hausse notwendig ist. Und dann müssten wir uns auf eine lange Durststrecke an den Aktienmärkten einstellen, die wahrscheinlich längste seit den 1970er Jahren. Und so muss man sagen, dass diesmal aus Sicht des Aktienmarktes eine schnelle Rezession das Beste wäre, was ihm passieren kann.

 

 

Kutzers Zwischenruf: Jetzt für die langfristige Aktienanlage werben!

Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Kann man sich kurz- bis mittelfristig von der Börse zurückhalten, gleichzeitig aber die langfristige Aktienanlage verstärken? Man kann. Das eine muss nicht ängstliches Aussteigen bedeuten, sondern Vorsicht mit neuen Engagements. Demgegenüber sollte man ausdrücklich langfristig angelegte Depots (vor allem für die Altersvorsorge) nicht abräumen. Deshalb empfehle ich allen damit befassten Organisationen und Produktanbietern jetzt (gerade jetzt!) mehr und intensiver bei Privatanlegern für die langfristige Beteiligung an Dividendenwerten zu werben. Denn der Lebensstandard im Alter steht auf dem Spiel.

Immobilien, private Rentenversicherungen mit Garantie und Aktien/Aktienfonds – das sind laut Umfragen des Deutschen Instituts für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA) die TOP-3 der privaten Altersvorsorge. Seit einigen Jahren wird ein deutlicher Trend in Richtung aktienbasierter Geldanlagen sichtbar. Das ist erfreulich. Doch das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis treibt viele Menschen nach wie vor auch in renditeschwache Anlagen. Und von Realrenditen (nach Abzug der Inflation) kann beim Kontensparen und am Anleihemarkt keine Rede sei. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht entscheidend verbessern. An Aktien führt also kein „Langstrecken-Weg“ vorbei.

Deshalb teile ich die Ansicht des DIVA: Wirkungsvoller bei steigender Inflation ist die stärkere Einbindung des Aktienmarkts in die Altersvorsorge, da dieser in gewissem Maße der Inflation trotzen kann. Die Zahl der Fondssparpläne und fondsgebundenen Lebensversicherungen wachsen seit Jahren stetig. Und dieser Trend zu aktienbasierten Anlagen hat sich ganz ohne staatliches Zutun aufgebaut. Kommentiert das Institut: „Das lässt erahnen, was bei einer aktiven Förderung möglich wäre. Beispielsweise durch steuerliche Anreize oder direkte finanzielle Zulagen. Und allemal besser als die Diskussion über neue Staatsfonds.“ Außerdem haben unsere Politiker akut noch größere Sorgen.

Gewiss, vereinzelt tauchen in den unterschiedlichsten Medien Werbeformate von Banken und Investmentgesellschaften für Aktien und Aktienfonds auf. Und das nicht erst seit gestern. Angesichts der aktuellen Belastungen für die Börse durch Kriegsfolgen, Energiekrise, Gefahr neuer Pandemiewellen, Welthandelsstörungen (Lieferketten) und der historisch hohen Inflation drohen aber Privatanleger wieder auszusteigen und Bargeld zu horten. Mein Vorschlag: Gerade jetzt könnten mit neuen Zahlen angereicherte Studien zur langfristigen Sicherheit der Aktienanlage (sicherer als Anleihen!) öffentlichkeitswirksam publiziert werden. Motto: Sicherheit + Wertsteigerung.