Ein Kommentar von Carsten Witt, stellv. Geschäftsführer des Niedersächsischen Anlegerclubs (NDAC)

Börsenwissen für Neueinsteiger Teil 9

Viele Anleger schauen sich auf Börsenseiten um und finden dort Anregungen für Anlagen. Das ist richtig und hilft bei so manchem Neuerwerb von Wertpapieren.

Allerdings lauert hier auch eine Gefahr, auf die speziell Neueinsteiger hereinfallen. Und sicher ist es auch erfahrenen Anleger passiert, dass sie eine Aktie superbillig angeboten bekommen, nur ein paar Cent kostet das Papier. Große Pläne und damit Gewinnaussichten bei wenig Risiko sind vorprogrammiert. Klingt alles wunderbar, da muss man doch einfach zugreifen und sich möglichst einen großen Anteil des zukunftsträchtigen Geschäftes sichern. Schließlich haben alle einmal klein angefangen.

Das kann durchaus sein, dass ein weiteres Facebook, Microsoft oder Tesla so entdeckt wird, aber meistens sind es Pennystocks, die auf ihre naiven Opfer warten.

Die magische Grenze: Im Euro-Raum zählen Aktien unter 1 Euro als Pennystocks. In den USA wird der Begriff für Aktien verwendet, die weniger als 5 US-Dollar kosten. Pennystocks sind Aktien, die wenig kosten, also einen niedrigen Kurswert haben. Sie müssen allerdings nicht unbedingt weniger als einen Euro kosten, es kann auch etwas mehr sein.

Egal, ob die Papiere nun unter einem Dollar oder 1 Euro kosten, gemeinsam haben diese Aktien, dass es oft hochspekulative Papiere sind, die starken Kursschwankungen unterliegen. Denn da sich hier mit nur geringem Kapitaleinsatz starke Kursbewegungen auslösen lassen, sind Aktien unter 1 Euro häufig das Ziel von Spekulanten. Sie nutzen die starken Kursschwankungen, um schnelle Gewinne zu machen. Denn die Anbieter besitzen die Aktien in hohem Umfang und versuchen jetzt die Kurse zu pushen, indem sie die Nachfrage durch Online-Werbeaktionen gezielt nach oben treiben. Doch wie immer sind die großen Chancen mit hohen Risiken verbunden. Unerfahrene Anleger können mit Pennystocks schnell viel Geld verlieren, denn wenn die Hintermänner die Aktien abstoßen, streichen sie ihren Gewinn ein. Und der Kurs des Pennystocks sinkt dann meistens unter dem Kaufpreis und der Rest der Anleger ist dann meistens noch in der Warteposition und je länger man wartet, desto mehr Geld verliert der Investor. Und dazu kommt die Gefahr, dass man reelle Chancen am geregelten Markt verpasst.

Nur ein Beispiel soll demonstrieren, wie schnell es geht. Vielleicht erinnert sich mancher noch an Windeln.de. Das Unternehmen ging vor einigen Jahren mit großem Aufsehen an die Börse. Doch der wirtschaftliche Erfolg beim Onlinehändler für Babyartikel blieb aus. Während Anleger im Jahr 2015 noch mehr als 400 Euro für die Aktie zahlten, kostete sie 2021 zeitweise weniger als 1 Euro – bis sie von Zockern entdeckt wurde. Im Juni stieg die Aktie von 0,97 Euro auf knapp 7 Euro. Der Kursgewinn von knapp 600 Prozent hatte keinerlei wirtschaftliche Grundlage, vielmehr hatten sich Anleger in sozialen Medien dazu verabredet, die Aktie zu kaufen. Das Kursfeuerwerk dauerte nicht lang, es ist jedoch nicht auszuschließen, dass es aus dem gleichen Grund erneut zu einem Kurssprung bei Windeln.de kommt.

Oder denken wir an WireCard. Diese Aktie ist ein Zockerpapier geworden, wenn wir den Chart betrachten. Das Jahreshoch von 1,81 Euro ist längst unterschritten. Sie liegt aktuell bei 0,19 Euro. Aber Fakt ist auch, es gibt auch Ausbrüche bis auf 0,51 Euro. Das beweist, dass Zocker dieses Papier für ihre Zweck benutzen und ordentlich Kasse machen auf Kosten der Anleger, die immer noch auf ein Come-back des einstigen DAX-Mitglieds und -Lieblings der deutschen Börse hoffen.

Aufgrund verschärfter Delistung-Regeln (dauerhafte Einstellung der Börsennotiz einer kapitalmarktaktiven Kapitalgesellschaft) sind Pennystocks in den wesentlichen Indizes der Deutschen Börse also DAX40, MDAX, TechDAX und SDAX nur noch selten, und wenn dann nur kurzzeitig anzutreffen.

Im Gegensatz dazu gibt es im ungeregelten Freiverkehr (Open Market) eine sehr große Zahl solcher Aktien. Ein „Listing“ im Open Market kostet nämlich vergleichsweise wenig. Ein Emissionsprospekt muss nicht veröffentlicht werden, die Veröffentlichung von Geschäftsberichten und Bilanzen ist ebenfalls nicht zwingend vorgeschrieben. Der mit dem Wertpapierhandelsgesetz verbundene gesetzlich verankerte Anlegerschutz gilt für im Open Market gelistete Pennystocks nur mit Einschränkungen. Dies ist einerseits für kleine Gesellschaften bequem, andererseits ist Missbrauch möglich. Es gibt nicht nur deutsche Pennystocks zu kaufen, sondern auch ausländische Gesellschaften tummeln sich an der deutschen Börse. Speziell bei Pennystocks ausländischer Emittenten sind Verstöße gegen die Marktmissbrauchsverordnung nur schwer nachzuweisen.

Also wenn Sie wieder einmal Aktienspam (massenhafter Versand von E-Mails mit Werbung für eine Aktie, um den Kurs in die Höhe zu treiben) im E-Mail-Fach vorfinden, dann löschen Sie am besten gleich die Nachricht. Sollte wirklich eine echte Perle darunter sein, nun dann kann man diese auch zu etwas höheren Preisen später einsammeln, wenn sich diese im Börsenalltag bewährt haben. 

Tipps und Informationen für Anleger und Sparer

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