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Handelskrieg zwischen den USA und der EU droht

Ein Kommentar von Torsten Arends, Geschäftsführer NDAC-Anlegerclub

Bisher wurde der US-Präsident als ein netter alter Opa (sorry Joe!) wahrgenommen, mit dem man über alles reden und ihn von bestimmten Notwendigkeiten überzeugen konnte. Aber jetzt, in den Zeiten des aufziehenden Wahlkampfes 2024, werden die Töne plötzlich rauer, man fühlt sich an längst überwundene Zeiten erinnert. Und plötzlich scheint der bisher einzige Präsidentschaftskandidat der Republikaner die Regie beim amtierenden US-Präsidenten zu übernehmen.
 
Das klingt doch schon ganz nach Donald Trump. „Jahrzehntelang ist das Rückgrat Amerikas, die Mittelschicht ausgehöhlt worden“, kritisiert Biden. Zu viele gut bezahlte Jobs seien ins Ausland verlagert worden. „Diese Dynamik werden wir ändern“, kündigt er an. Und dann sagt er einen Satz, der selbst Tausende Kilometer weiter östlich auf der anderen Seite des Atlantiks ein mittleres politisches Erdbeben auslöste. „Ich werde international dafür kritisiert, dass ich mich zu sehr auf Amerika konzentriere“, ruft Biden. „Zum Teufel damit!“
 
Denn so freundschaftlich der Demokrat gegenüber den europäischen Verbündeten auch auftritt, wenn es um die Wirtschaftspolitik geht, fährt er einen mindestens ebenso knallharten Kurs wie sein Vorgänger. Wir hatten übrigens anlässlich der Wahl Bidens schon einmal darauf hingewiesen. Unter Trump sei „Buy American“ (kauf amerikanisch) nur ein leeres Versprechen gewesen, hatte Biden bereits wenige Monate nach seiner Amtsübernahme gehöhnt und versprochen: „Meine Regierung wird ‚Buy American‘ wahr werden lassen.“ Damals wollte keiner in Europa das so richtig hören bzw. verstehen.
 
Im August 2022 folgten den Worten Taten. Der Kongress verabschiedete ein umfangreiches Klima- und Sozialpaket (IRA). Gigantische 369 Milliarden Dollar werden die USA im Laufe der nächsten zehn Jahre in Klimaschutz, Energiesicherheit und neue Umwelttechnologien investieren. Das Paket sieht sowohl Direktzahlungen als auch Steuervergünstigungen vor. So sollen die Amerikanerinnen und Amerikaner unter anderem einen satten Zuschuss von 7.500 Dollar beim Kauf eines Elektroautos bekommen. In der Folge hatten die europäischen Konzerne schon die Dollarzeichen vor Augen.
 
Aber dann wurde der Haken aus Europa sichtbar: Das Geld fließt beispielsweise nur, wenn der Wagen in den USA oder seinen Freihandelspartnerländern Kanada und Mexiko produziert wurde. Auch die staatliche Förderung der Batteriefertigung oder anderer Erneuerbare-Energie-Projekte ist an einen immer größeren amerikanischen Fertigungsanteil gebunden.
 
Unter Arbeitnehmern und Gewerkschaftern in den USA kommt diese Politik wie erwartet gut an. In den europäischen Partnerländern hingegen schrillen die Alarmglocken. Europäische Unternehmen fürchten nicht nur bei Subventionen leer auszugehen und Marktanteile an die Konkurrenz über den großen Teich zu verlieren. Sie sorgen sich auch um ihre europäischen Standorte. Denn wer kann, hat nun neben den viel geringeren Energiekosten einen weiteren wichtigen Anreiz, Teile seiner Produktion in die USA zu verlegen.
 
Genau davor hat die deutsche Industrie gewarnt, der Standortnachteil der hiesigen Unternehmen durch die Energiekrise hierzulande wird viele neue Berechnungen anstellen und ein Go West einleiten lassen. Deshalb sind Wirtschaftsminister Robert Habeck und sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire gleich zu zweit nach Washington gereist, um das aus europäischer Sicht gegen die internationale Handelsordnung verstoßende Gesetz zu intervenieren und Ausnahmeregelungen für die europäischen Unternehmen auszuhandeln. Da darf man sich doch nebenbei einmal die Frage stellen: Verstoßen die Ausnahmen, wenn sie dann überhaupt kommen sollten, dann nicht mehr gegen die internationale Handelsordnung? Es wird sicher noch ein paar Wochen dauern, bevor wir ein Ergebnis haben.

Was ist die Folge von „America first“? Ganz einfach, in Europa muss auch langsam umgedacht werden, „Europa first“ und das in Kooperation mit der ASEAN- Staatengruppe ist jetzt die Devise. Obwohl die EU bereits von milliardenschweren Industriesonderfonds träumt, sollten wir realistisch bleiben. Es wird nichts so heiß gegessen… Aber wir bleiben an dem Thema dran.

Der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer ersetzt den vor allem wegen des milliardenteuren Glyphosat-Rechtsstreits in den USA umstrittenen Chef Werner Baumann noch in diesem Sommer, er geht nicht ganz unfreiwillig vorzeitig in den Ruhestand. Ab Juni 2023 wird der Chemieingenieur Bill Anderson vom schweizerischen Rivalen Roche die Führung des Unternehmens übernehmen. Aber auch Anderson steht von Anfang an unter Druck. Langfristig orientierte strategische Investoren wie der singapurische Staatsfonds Temasek, der mit mehr als drei Prozent einer der größten Anteilseigner ist, wird dem neuen CEO ordentlich Druck machen. Zuletzt mischten auch mehrere aktivistische angelsächsische Investoren wie der Fonds Inclusive Capital Partners von Jeff Ubben sowie Bluebell Capital mit, und die sind auch nicht gerade als geduldig bekannt. Aber Anderson verfügt über ein notwendiges Netzwerk in den USA sowie das Know-how, um den Konzern wieder innovativer zu machen, sagen Finanzmarktexperten. So könnte es schließlich doch noch zur Aufspaltung des deutschen Traditionsunternehmens kommen.

Fernab der drei Machtzentren rund um den Globus (USA, EU und China) schickt sich eine weitere Großmacht an, um zum Ende dieses Jahrzehnts unter die drei größten Volkswirtschaften aufzusteigen. Dass das keine Hirngespinste sind, zeigt, dass im Fiskaljahr 2024 der Topf für Investitionen um 33 Prozent auf über zehn Billionen indische Rupien aufgestockt wurde (1 INR = 0,011 27 Euro). Für langfristige Investoren sehr interessant ist die Tatsache, dass der indische Aktienmarkt noch nicht auf die Pläne der indischen Regierung reagierte. Die Anlegerstimmung leidet derzeit unter Betrugsskandalvorwürfen gegen ein indisches Konglomerat. Das dürfte für mutige und langfristig orientierte Anleger eine optimale Einstiegsmöglichkeit bieten.