Versicherungen im Wandel – Änderungen in der Branche

Längst vergangen sind die Zeiten, als die freundlichen Versicherungsvertreter vom Schlage eines Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer vor der Tür standen und die Kunden in allen Versicherungsbelangen berieten und betreuten. Für unsere jüngeren Leser kurz erklärt: Herr Kaiser war eine Sympathie und Seriosität ausstrahlende Werbefigur des genannten Versicherungskonzerns, der allabendlich von 1972 bis 2009 in den Werbeblöcken auftauchte und so in ganz Deutschland bekannt wurde. Nun, Herrn Kaiser gibt es nicht mehr und die Hamburg-Mannheimer auch nicht, sie ging im Ergo-Konzern auf.

Die Versicherungsbranche hat sich verändert

Ein deutscher Versicherungsmakler, mit Aktentasche voll dicker Ordner von Tür zu Tür eilend, hat heute kaum eine Chance mehr. Die Versicherungskunden sind in der Regel internetaffin und schließen eine Versicherung bei dem Unternehmen ihrer Wahl per Mausklick ab – aber erst, nachdem sie sich die Angebote anderer Versicherer in Vergleichsportalen angeschaut haben.

Wird es bald so sein, wie in Asien? Dort stehen die Kunden auf schnelle Deals. Langes Überlegen, das Studium von tonnenweisem Papier und ewiges Abwägen sind in Fernost verpönt. Versicherungen werden in Asien digital und sofort erledigt. Die Grundlage sind Standardversicherungen, die millionenfach kreiert wurden, viele mögliche Wechselfälle des Lebens abbilden und über das Internet verkauft werden.

Wie Versicherung heute funktioniert, zeigt der seit 2017 an der Hongkonger Börse notierte Onlineversicherer Zhongan Online P & C.

Zhongan setzt ganz auf digitale Automatismen und den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Das führt zu Versicherungspolicen en masse und zu sehr niedrigen Preisen. Im Grunde könnte man sagen, Zhongan ist mehr ein Internetunternehmen denn ein klassischer Versicherungskonzern.

Die Versicherungsbranche wird sich also weiter wandeln. Zum einen ändern sich die Vertriebswege. So werden Policen künftig ausschließlich übers Internet abgeschlossen; das spart die Provisionen der Vermittler. Auch Rückfragen der Kunden, Schadensmeldungen, Kündigungen etc. – alles wird online abgewickelt.

Und zum anderen werden auch die Policen selbst, ihre Entwicklung und Ausgestaltung, eine neue Grundlage haben. Dazu sammelt zum Beispiel Zhongan eine große Menge an Daten von Internetgiganten wie Google, Amazon etc. und lässt diese schier unvorstellbaren Datenmengen in die Kreation neuer bedarfsgerechter Policen einfließen. Das Internet der Dinge, die Telematik, tragbare Technologien, all das und noch viel mehr wird dabei zur Datengenerierung genutzt, und diese Daten werden dann dazu verwendet, maßgeschneiderte und attraktive Angebote für den Versicherungskunden zu vernünftigen Preisen zu entwerfen. Aber auch Bestandskunden des chinesischen Konzerns erhalten überarbeitete, verbesserte Angebote.

Nicht umsonst wird dem Versicherungsmarkt in China bis 2028 ein Wachstum von 12,9 Prozent zugetraut. Im Vergleich zu Westeuropa mit einer Wachstumsprognose von nur 2,8 Prozent ist dort Goldgräberstimmung angesagt, und nicht nur dort, sondern auch in allen anderen Schwellenländerregionen.

Und die Versicherungen im guten alten Europa?

Asien entwickelt sich also zum weltgrößten Versicherungsmarkt. Für die traditionellen Versicherungskonzerne hierzulande stellt es hingegen eine große Herausforderung dar, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Dabei stehen Allianz, Münchner Re, Zurich & Co. gar nicht mal so schlecht in diesem Bereich da. Aber sie müssen begreifen, dass Digitalisierung mehr bedeutet als nur die Automatisierung von Prozessabläufen und die Erweiterung der Möglichkeiten, mit dem Kunden Kontakt aufzunehmen. So gaben nur 13 Prozent der befragten Versicherungsgesellschaften in einer Studie des Marktforschers Lünendonk an, sich mit der Entwicklung von Produkten zu beschäftigen, die auf über das Internet der Dinge gesammelten Daten basieren. So fließen bekanntlich die Daten, die der Versicherer mithilfe von Sensoren über die Beschleunigung und Geschwindigkeit ermittelt, in die individuelle Prämie für die Autoversicherung ein.

Aber die Versicherungsbranche muss schneller und besser auf die Wandlungsprozesse in ihrem Bereich reagieren, sonst machen Konzerne aus China das große Geschäft auch in Europa und dem Rest der Welt. Und wenn diese Konzerne auf Daten der Internetriesen zurückgreifen, werden Facebook, Google und Amazon sicher bald selbst mit eigenen Policen auf den Markt gehen. Dann wird es richtig gefährlich für die Traditionskonzerne.

Der schnelle Markteintritt der Chinesen in Europa konnte bisher nur verzögert werden dank der vielen gesetzlichen Bestimmungen, die hierzulande zu beachten sind. Aber das kiloweise Kleingedruckte bei den Policen wird nicht auf Dauer davor schützen.

Die Anleger sind skeptisch

An den Börsen fallen unsere Versicherungskonzerne durch relativ günstige Bewertungen auf. Das spiegelt die Skepsis der Anleger hinsichtlich der Zukunft der Versicherungen wider. Aber es gibt auch Versicherungsunternehmen, die in Sachen Digitalisierung ihre Hausgaben machen. Hier liegen die Chancen für die Anleger, günstig bewertete Aktien zu erwerben.

Fazit

Uns ist es egal, ob der Herr Kaiser künftig mit Laptop oder als Roboter Werbung für Versicherungen betreibt. Wir haben Versicherungen (Allianz, Munich Re, Talanx, Wüstenrot) und vielleicht auch bald künftige Versicherungsunternehmen wie Amazon, Alphabet und Facebook in unserem NDAC-Fonds enthalten. Und Zhongan werden wir sicher auch weiter beobachten.

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