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Der Clubfonds-Ticker
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Die Seher der Gegenwart

Es ist noch keine „demokratische Welle“, die der Sieg des demokratischen Kandidaten bei den Bürgermeisterwahlen in New York ausgelöst hat. Es war praktisch nur eine Kommunalwahl, die hier entschieden wurde. Natürlich sehen sich die Demokraten nach ihrer Niederlage seit einem Jahr endlich wieder im Aufwind, zumal noch zwei weitere Wahlen gewonnen wurden.

Bei den demokratischen Siegen mag der längste Shutdown in der US-Geschichte eine entscheidende Rolle gespielt haben. Irgendwann ist der auch einmal vorbei, und dann stehen erst die Midterms im November nächsten Jahres an. Erst danach kann die Welt ein wenig aufatmen – oder eben auch nicht.

So viel also zur mittelfristigen Perspektive. Da wir uns hier aber im wöchentlichen und mithin recht kurzfristigen Bereich bewegen, zu akuteren Themen: die AI-Bubble – bzw. das Platzen derselben. Inzwischen pfeifen es ja allenthalben die Spatzen von den Dächern, dass die Investitionen niemals kapitalisierbar sein könnten (oder werden!), der Bedarf an Energie nicht deckbar ist, die Indexkonzentration so hoch ist wie seit 140 Jahren nicht – und überhaupt, dass keiner weiß, ob das Ganze uns je wirklich weiterbringen wird.

Nun, auch da gibt es eindeutige Parallelen zu den alten Hochkulturen, in denen Bildung und Wissen den Mächtigen und ihren Priestern vorbehalten waren. Das gemeine Volk hatte nicht allzu viel davon – außer, dass es, wie weiland zu Zeiten der Dampfmaschine, die Arbeitsplätze verliert. Nur hat die Dampfmaschine damals nicht so viele Milliarden an Kapital verschlungen. Hat der Konsum als anbetungswürdiger Götze schließlich ausgedient, und wir wenden uns – mangels spiritueller Alternativen – der KI als übermenschlicher, letzter Hoffnung der Heilsbringung zu? Macht die Sache natürlich gleich angenehmer, wenn sich die Kohle, die wir in den Opferstock (genannt Börse) werfen, anstatt zu verschwinden bzw. sich um den Hals oder die Hüfte 😉 irgendeines vermeintlichen Heilbringers wiederzufinden, noch vermehrt …

Die gestiegenen Zinsen konnten dem Glauben an unendlich steigende Profite und das finanzielle Himmelreich, propagiert durch die Börsenpriester unserer Zeit, nichts anhaben. Selbst wenn der Prophet der Neuzeit mit seinem E-Auto fast an die Wand gefahren ist, waren sofort ein paar andere zur Stelle, die die Illusion der nächsten Stufe der Erlösung aufrechterhalten haben. Hauptsache, man stellte ihnen nur genügend Kapital zur Verfügung. Viele Möglichkeiten gibt’s von hier an eh nicht mehr. Entweder die KI-Welle entpuppt sich relativ bald als der einzige, ewige und – das wäre ganz wichtig – gute Hüter der Menschheit und lässt weiter Manna vom Himmel regnen, oder eben auch nicht. Im Augenblick regnet nicht viel.

Trotz alledem: Ein besonders großer Anbieter von generativer KI hat zuletzt Infrastrukturverträge im Wert von rund einer Billion US-Dollar angekündigt – ein Hinweis auf die Dimension dieser Entwicklung. Da muss die Oma, pardon, die KI, verdammt lange stricken, bis das Kapital wieder refinanziert ist.

Die große Säuberungswelle im Bereich der Künstlichen Intelligenz scheint jedenfalls vorerst abgeebbt zu sein – auch wenn die Anleger weiterhin nervös auf die mitunter irrational anmutende Euphorie blicken, die den Sektor an den Aktienmärkten begleitet. Kurzfristig haben sie jedoch womöglich andere Sorgen: etwa einen Supreme Court, der sich bei der Beurteilung der Zölle aus der Trump-Ära weniger kooperativ zeigt als erwartet, oder eine US-Notenbank, die zu einem restriktiveren Kurs gezwungen sein könnte, als es die Märkte bislang eingepreist hatten.

Nun ja, das Problem mit der Notenbank scheint sich im nächsten Jahr aufzulösen – wenn der Godfather höchstpersönlich den Nachfolger für die Fed auswählt. Dann dürfte jedenfalls nach der Lesart im Weißen Haus nur einer die Zinspolitik der wichtigsten Notenbank der Welt bestimmen … Warten wir es also ab, denn der scheidende Jay Powell wurde ja vom Don höchstpersönlich auch auserwählt – und scherte aus. Das wird zwar nicht noch einmal passieren, aber wer weiß das schon vorher.

Apropos Kapital – das ist nicht nur in den US-Banken zu Hause bzw. renditeträchtig konzentriert. Die aktuelle Berichtssaison europäischer Banken fällt insgesamt überzeugend aus. Von den Instituten, die Zahlen für das dritte Quartal berichtet haben, konnten jeweils 80 Prozent bei den Vorsteuergewinnen und den Betriebsergebnissen vor Risikovorsorge die Prognosen übertreffen. Treiber dieser Entwicklung waren höhere Umsätze und ein strikteres Kostenmanagement. Gleichzeitig geben die Zahlen wenig Anlass zu Sorgen vor Kreditrisiken, die im Zuge mehrerer Firmenpleiten in den USA zuletzt zugenommen haben. Bei rund drei Vierteln der Institute lagen die Wertminderungsaufwendungen unter den Erwartungen. Die durchschnittliche harte Kernkapitalquote betrug solide 13,9 Prozent. Es könnte also durchaus sein, dass die kurze Verschnaufpause im Bankensektor sehr schnell vorbei ist und die Underperformance in „Good old Europe“ zeitnah aufgelöst wird.

Bis Ende Oktober hatten ein Drittel der im japanischen TOPIX gelisteten Unternehmen ihre Ergebnisse für die aktuelle Berichtssaison vorgelegt. Nahezu die Hälfte dieser Unternehmen übertraf die Markterwartungen, etwa ein Drittel verfehlte sie. Auffällig ist, dass mehr Firmen ihre Jahresprognosen nach oben als nach unten angepasst haben – und das sowohl im produzierenden Gewerbe als auch im Dienstleistungssektor. Diese positiven Ergebnisüberraschungen trieben sowohl den Nikkei 225 als auch den TOPIX auf Rekordstände. Während der Nikkei 225 – bei dem der Technologiesektor über die Hälfte des Index ausmacht – in einer Woche um mehr als sechs Prozent zulegte, verzeichnete der TOPIX ein Plus von fast zwei Prozent. Seit Jahresbeginn sind der Nikkei 225 und der TOPIX um 23 Prozent beziehungsweise um elf Prozent gestiegen.

Nicht alle Erfolge werden in den USA erzielt – andere Märkte holen verdammt schnell auf.