Wir hatten im letzten Kommentar geschrieben, dass der amerikanische Präsident sich entscheiden müsse, ob er die Flugzeugträger einschließlich der Begleitflotte aus dem Nahen Osten zurückzieht oder losschlägt. Natürlich hatten wir dabei die Hoffnung, dass er zur Vernunft kommt und die Drohkulisse gegenüber dem Iran abbauen würde. Er hat es nicht getan – er hat gemeinsam mit seinem Verbündeten Israel losgeschlagen.
Wir befinden uns in einer post-völkerrechtlichen Geschichtsphase, in der alle im Nachklang der beiden letzten Weltkriege entwickelten internationalen Rechts- und Konventionsordnungen nicht mehr gelten bzw. von wesentlichen Akteuren nicht mehr beachtet werden. Es gilt ausschließlich das Recht des Stärkeren, der bzw. die sich dann auch herausnimmt, zu tun und zu lassen, was er oder sie will. Erschwerend kommt hinzu, dass auch auf persönlicher und rechtlicher Ebene die Herrschenden von Gerichten und Volksvertretungen nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden (können) und mithin verurteilte oder zu verurteilende Straftäter an den Hebeln sitzen.
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran sowie die teilweise Sperrung der Straße von Hormus haben zuletzt zu steigenden Ölpreisen, Kursrücksetzern und erhöhter Volatilität an den Märkten geführt. Doch wie ernst ist die Lage für Anleger einzuschätzen? Die kurze Antwort lautet: Ja, die Ereignisse sind bedeutsam, und auch Deutschland wird die Kosten tragen müssen. Denn Fakt ist: Die Öl- und Gaspreise sind gestiegen, Lieferketten sind teilweise unterbrochen – mit allen negativen Folgen für Industrie und Verbraucher. Und was noch alles kommt, wissen wir auch noch nicht so richtig.
Historisch betrachtet gibt es jedoch gute Gründe für eine ruhigere Einordnung des Geschehens. Wir wissen, dass politische Börsen kurze Beine haben. Das heißt: Geopolitische Schocks führen regelmäßig zu abrupten Marktbewegungen – doch sie wirken selten langfristig. Beispiele reichen vom Irak-Kuwait-Konflikt 1990 über den 11. September 2001 bis zum Arabischen Frühling. In frischer Erinnerung ist auch noch das Kidnapping des Präsidenten des erdölreichsten Landes, Nicolás Maduro, vor Kurzem. In all diesen Fällen stiegen zwar kurzfristig die Energiepreise, während Aktienmärkte nachgaben. Doch innerhalb weniger Wochen und Monate setzten Normalisierungstendenzen ein und die Märkte fanden zu ihrem vorherigen Trend zurück – so wie jetzt auch.
Ölmarktmechanismen wirken stabilisierend. Erdöl ist fungibel, global handelbar und die Produktion kann flexibel ausgeweitet werden. Politisch motivierte Ausfälle werden häufig durch andere Förderländer oder strategische Reserven ausgeglichen. Auch alternative Transportwege mindern dauerhafte Engpässe. Nur rund 20 Prozent der Öl- und Gastransporte gehen über die Straße von Hormus. Deshalb ist der Anstieg der Preise an den Tankstellen reine Abzocke der Mineralölkonzerne – so schnell ändern sich langfristige Preisabsprachen nicht. Die Preise sind zudem über Terminkontrakte an den Rohstoffmärkten abgesichert.
Die Geschäftsmodelle der meisten unserer NDAC-Clubfondswerte bleiben robust. Die großen strukturellen Wachstumstreiber wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Infrastrukturinvestitionen und demografische Entwicklungen werden durch regionale geopolitische Ereignisse kaum beeinträchtigt. Ein Softwareanbieter, ein Medizintechnologieunternehmen oder ein Infrastrukturentwickler ändert seine Ertragskraft nicht dadurch, dass der Ölpreis kurzfristig schwankt.
Erhöhte Schwankungen fühlen sich zwar unangenehm an, sind aber ein normaler Teil des Marktgeschehens. Historisch wurden in Phasen großer Unsicherheit oftmals die attraktivsten langfristigen Renditen erzielt – gerade weil viele Anleger in solchen Momenten zu emotionalen Entscheidungen neigen. Wer besonnen bleibt, profitiert häufig davon, dass Märkte nach Überreaktionen wieder zu den wichtigen Fundamentaldaten zurückfinden.
Sollten also die USA und Israel den Iran für die nächsten 1.000 Jahre in Schutt und Asche bomben, ist das zwar fürchterlich für die ohnehin leidgeprüften Perser, wird aber von den Märkten recht bald verdaut werden. Sorry, es klingt hart, aber so ist es nun einmal. Auch die Tatsache, dass Putin durch die gestiegenen Preise für Öl und Gas seine Kriegskasse kurzfristig wieder auffüllen kann, ist traurige Realität.
Kleinanleger werden das Desaster an den Börsen nicht verursacht haben. Was den Autor immer wieder überrascht, ist die Reaktion der Großanleger, die mit künstlicher Intelligenz und anderen vernetzten Sicherungsinstrumenten arbeiten. Der große Fehler in den Absicherungsmechanismen der großen Vermögensverwalter liegt darin, dass sie global über alle Assets reagieren. Mit den Instrumenten der KI sollte es doch möglich sein, blitzschnell herauszufiltern, welche Werte von einer Krise betroffen sind – und diejenigen herauszulassen, die nicht betroffen sind.
Die Aktienmärkte bieten derzeit ein interessantes Umfeld für aktive Anleger, die gezielt Einzeltitel auswählen, da sich einzelne Aktien aktuell sehr unterschiedlich entwickeln. Geopolitische Spannungen verschieben die Attraktivität ganzer Branchen, während der wachsende Einfluss künstlicher Intelligenz die Zukunftsfähigkeit vieler Geschäftsmodelle in den Mittelpunkt rückt. Die Daten bestätigen diese Dynamik: In den USA ist der Performance-Abstand zwischen den stärksten und schwächsten Aktien zu Jahresbeginn so groß wie seit 2021 nicht mehr. Die Differenz zwischen den 50 besten und 50 schwächsten Titeln im S&P 500 liegt im laufenden Jahr bei rund 37 Prozentpunkten. Auch in Europa zeigt sich über die vergangenen zwölf Monate eine außergewöhnliche Divergenz. Die Kursentwicklungen der im STOXX 600 gelisteten Unternehmen klaffen so stark auseinander wie zuletzt während der Weltfinanzkrise. Dieses Umfeld eröffnet vielfältige Chancen, verlangt aber zugleich ein strikteres Risikomanagement. Für vorsichtige Anleger bleibt daher eine breite geografische Diversifikation entscheidend.