Nein, die meisten von uns werden sich die längste Rede zur Lage der US‑Nation eines US‑Präsidenten nicht angetan haben. Als ihr Autor am nächsten Morgen die Berichte über die „State of the Union“-Rede las, kam ihm ein Lied aus den „Pippi‑Langstrumpf“-Filmen wieder in den Sinn: „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.“ (Übrigens auch von Andrea Nahles im Bundestag vor langer Zeit schon als Lied vorgetragen – da war sie noch SPD‑Oppositionsführerin mit anderen Mehrheiten im Deutschen Bundestag.)
Das Wall Street Journal – ein stramm konservatives Blatt im besten Sinne des Wortes – sieht es ähnlich und titelte treffend: „Trump lobt einen wirtschaftlichen Aufschwung, den viele Wähler nicht sehen.“ Die Inflation, die hartnäckig oberhalb des Zielwertes der US‑Notenbank verharrt, ignoriert er. Ebenso den Fakt, dass das Wachstum im vierten Quartal förmlich eingebrochen ist. Doch statt sich um die Wirtschaft zu kümmern, scheint der POTUS sich lieber in neue Auslandsabenteuer stürzen zu wollen. Denn entweder er zieht die zwei Flugzeugträgerverbände, die er rund um den Iran zusammengezogen hat, bald wieder ab, weil deren Präsenz unendlich viel Geld verschlingt. Oder aber er lässt den Iran angreifen – und riskiert damit einen Flächenbrand mit unabsehbaren Folgen, auch für die Wirtschaft. Zusammengefasst können wir feststellen: Trump liefert nicht – weder in Sachen Wirtschaft noch bei seinem Versprechen, die sinnlosen, teuren US‑Kriege zu beenden.
Der US‑Supreme Court hat den allmächtigen Wahnvorstellungen des Präsidenten bereits seine Grenzen in Sachen Zölle aufgezeigt. Höchste Zeit, dass dies die Wähler bei den Kongresswahlen im November auch tun. Seine wirre Rede im US‑Kongress zeigt vor allem eines: Er selbst ist längst schon wieder im Wahlkampfmodus, obwohl es gar nicht mehr um ihn als lame duck geht.
Aber da wir einmal bei den Zöllen sind: Da hat der Mann im Weißen Haus sich bestimmt gedacht, wir machen jetzt eine Mandatsbeschaffungsmaßnahme für notleidende, renommierte Anwaltskanzleien daraus. Es stehen schließlich 175 Milliarden Dollar im Feuer – Zölle, die zu Unrecht erhoben wurden. Vermutlich wird das Weiße Haus keinen einzigen Cent freiwillig wieder herausrücken. Mit Zinsen und Anwaltskosten könnten dann schnell 200 Milliarden Dollar und mehr daraus werden. Eine Gruppe von 22 Senatoren der US‑Demokraten will die Trump‑Regierung per Gesetz zur vollständigen Rückzahlung kassierter Zolleinnahmen verpflichten. Die Gesetzesvorlage sieht vor, dass die Gelder innerhalb von 180 Tagen samt Zinsen erstattet werden. Aus dem Gesetzentwurf wird zwar nichts werden – die Demokraten sind (noch) in der Minderheit –, aber das nächste Zoll‑Chaos ist schon vorprogrammiert.
Unser Bundeskanzler hat andere Sorgen. Bei seiner ersten Reise nach China seit Amtsantritt versucht Kanzler Merz den Spagat: Einerseits setzt er sich für mehr Investitionen in Deutschland ein, andererseits muss er auch die problematischen Seiten von Chinas Wirtschaftspolitik ansprechen. Bundeskanzler Friedrich Merz will die Beziehungen zu China deutlich ausbauen und wirbt dabei ausdrücklich auch für ein Engagement chinesischer Firmen in Deutschland. „Wir wollen chinesische Investitionen in Deutschland. Wir wollen Arbeitsplätze in Deutschland mit chinesischen Investitionen“, sagte Merz in Peking nach einem deutsch‑chinesischen Wirtschaftsforum zusammen mit Ministerpräsident Li Qiang. Genau das klingt wie das Betteln um Investitionen des weit enteilten Konkurrenten aus Fernost. Dazu kommen noch die geerbten Probleme aus der Vergangenheit: Handelsbeschränkungen, das stark wachsende Handelsdefizit, Währungsfragen, Seltene Erden, die richtige Positionierung im Handelskrieg zwischen den USA und China und der Ukraine‑Krieg. Tja, Fritze, deine Reiseroute in Asien hätte wahrscheinlich doch besser in China beginnen sollen, aber jetzt müssen wir mit den Gegebenheiten zurechtkommen, wie sie eben sind. Aber wenigstens ein Abkommen über die Lieferung von 120 Airbus‑Jets sprang für Europas Flugzeugbauer Nr. 1 heraus. Weitere Abkommen sind dem Vernehmen nach noch in Vorbereitung.
Wir dürfen uns wieder hoffnungsvoller den KI‑Werten zuwenden, oder? Unser Clubfondswert NVIDIA hat es wieder einmal geschafft, die Erwartungen zu übertreffen. Konkret meldete das Unternehmen einen Umsatz in Höhe von 68,1 Milliarden Dollar im vierten Quartal. Die Prognose lag bei 65,91 Milliarden Dollar. Das Geschäft mit Rechenzentren erwirtschaftet inzwischen gut 90 Prozent der NVIDIA‑Erlöse. Beachtlich ist zudem der bereinigte Gewinn je Aktie, der mit 1,62 Dollar die Erwartungen von 1,53 Dollar deutlich übertreffen konnte. Unterm Strich sprang der Quartalsgewinn im Jahresvergleich um 94 Prozent auf knapp 43 Milliarden Dollar. Auch für die Zukunft bleibt der Chip‑Konzern sehr optimistisch. Im bereits laufenden ersten Quartal peilt das Management einen Umsatz in Höhe von 76,44 bis 79,56 Milliarden Dollar an. Experten hatten lediglich mit 72,78 Milliarden Dollar gerechnet. Anleger zeigten sich allerdings unbeeindruckt. Der Kurs der NVIDIA‑Aktie drehte im nachbörslichen Handel während der Analystenkonferenz ins Minus. Danach erholte sie sich und notierte kaum verändert.
Nach wie vor offen ist, wie es für NVIDIA in China weitergeht. Die US‑Regierung erlaubt zwar wieder den Verkauf abgespeckter Chipsysteme mit der Bezeichnung H200 in das Land – für eine saftige Gebühr von 25 Prozent. Allerdings ist weiterhin unklar, ob die Regierung in Peking die dortigen Unternehmen diese Chips kaufen lässt. In den Prognosen von NVIDIA wird deshalb immer noch kein potenzielles Geschäft in China berücksichtigt. Es gibt auch noch ein Problem: Der rapide Ausbau der Rechenzentren sorgt gerade für eine akute Knappheit bei Speicherchips – und das bremst wiederum das Geschäft von NVIDIA mit Grafikkarten für Gamer, mit denen der Konzern einst groß wurde. Im vergangenen Quartal verpasste die Sparte mit Erlösen von 3,73 Milliarden Dollar die Erwartungen von Analysten, die eher mit rund vier Milliarden Dollar gerechnet hatten. Ein „back to the roots“ wird es wohl nicht so schnell geben, solange KI die Fantasien beflügelt.