Anne Schreiber: Angestellte, durchschnittliches Gehalt, extrem reich

Im Jahr 1995, zur Adventszeit, öffnete der Präsident der privaten Yeshiva Universität in New York einen Brief, der ihm gerade von dem ihm gegenüber sitzenden Anwalt Ben Clark überreicht worden war und traute seinen Augen kaum. Der Inhalt: ein Portfolio im Wert von über 22 Millionen US-Dollar mit jährlichen Dividendenzahlungen in Höhe von circa 750 000 US-Dollar, der Universität gestiftet von einer gewissen Anne Schreiber. Verwirrt schaute er den Anwalt an und fragte: „Anne Schreiber? Wer ist das? Ich habe noch nie von ihr gehört!“ Ben Clark lächelte und antwortete, Frau Schreiber sei eine pensionierte Durchschnittsangestellte bei der Steuerbehörde gewesen. „Aber“, stammelte der Universitätsleiter, „wie kann eine Angestellte denn in der Lage sein, eine dermaßen großzügige Spende zu tätigen?“ Der Anwalt erwiderte: „Wenn Sie ein paar Minuten Zeit haben, kann ich Ihnen gerne die Lebensgeschichte dieser Dame erzählen.“

Als Steuerbeamtin wurde Anne Schreiber klar: Das große Geld wird mit Aktien verdient

Die Millionärin Anne Schreiber hat ihren Reichtum weder geerbt noch beim Glücksspiel oder in der Lotterie gewonnen. Geboren wurde sie 1893 in Brooklyn, New York. Anfangs ging es der Familie gut, denn ihr Vater besaß mehrere Häuser. Als diese jedoch plötzlich an Wert verloren, verlor auch er seinen Lebensmut und starb bald darauf. Die Mutter brachte die Familie durch, indem sie die Immobilien nach und nach verkaufte. Am Ende war kein Vermögen mehr vorhanden. Anne Schreiber musste daher früh selbst Geld verdienen. Sie besuchte eine Sekretärinnenschule und ergatterte einen Job als Buchhalterin. Später schaffte sie es sogar noch auf eine Law School. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich bereits auch eine Anstellung als Steuerbeamtin bei der amerikanischen Steuerbehörde gesichert und blieb dort für 23 Jahre. Im Alter von 50 Jahren ließ sie sich trotz einer nur spärlichen Pension und Ersparnissen in Höhe von 5000 US-Dollar in den Ruhestand versetzen. Die vielen Jahre, die sie mit der Prüfung von Steuererklärungen verbracht hatte, hatten sie nämlich eine wichtige Sache gelehrt: Aktien machen reich. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte sie ihre Vermögensaufbaustrategie: Dividendentitel kaufen, halten und die ausgezahlte Dividende reinvestieren. Sie verkaufte nie, auch nicht bei Marktkrisen oder Börsencrashs. Auch verfolgte sie weder täglich die Kurse noch war sie auf einen schnellen Gewinn aus. Stattdessen fand sie bei ihrem langjährigen Anlageberater von Merrill Lynch für ihren wertorientierten Ansatz zum Vermögensaufbau nach Art von Warren Buffett freundschaftliche Unterstützung.

Anne Schreibers Gehalt war niedrig: Als Ausgleich beschloss sie, mit Aktien reich zu werden

Fleißig wie sie war, verhalf sie ihrem Arbeitgeber zu höheren Steuereinnahmen. Trotzdem wurde sie bei Beförderungen in der Steuerbehörde regelmäßig übergangen. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1944 verdiente sie nie mehr als 4000 US-Dollar im Jahr. Bereits während ihrer Berufstätigkeit begann sie deshalb, in Aktien zu investieren. Dadurch konnte sie bereits zu Beginn ihres Vorruhestandes ihre Pension durch jährliche Dividendenzahlungen in Höhe von 900 US-Dollar aufstocken. Mit der Pensionierung startete sie als Investorin dann voll durch: Sie lernte, Bilanzen zu lesen, beschäftigte sich mit Unternehmensphilosophien und Produktqualität. Sie investierte nur in wertvolle Unternehmen mit hohen Dividendenausschüttungen. Was sie damals aber noch nicht wusste: Sie sollte für ihre Investitionstätigkeiten noch 50 Jahre Zeit haben, denn sie wurde 101 Jahre alt. In dieser Zeit kaufte sie über 100 verschiedene Aktien großer Industrieunternehmen, sogenannte Bluechips. Ihr Portfolio enthielt unter anderem Coca-Cola, Schering-Plough und Paramount.

Aus 5000 US-Dollar wurden 22 Millionen für die Verwirklichung ihres Lebenstraums

Sie behielt ihren bescheidenen Lebensstil bei und wohnte in einer kleinen Mietwohnung in der 56. Straße im Westen New Yorks. Doch am Ende ihres Lebens verwirklichte sie ihren großen Traum: intelligente junge Frauen aus finanziell schwächer gestellten Elternhäusern akademisch zu fördern. Mit ihrem Vermögen wurde gemäß ihrem Wunsch das noch heute existierende Anne-Schreiber-Stipendien- und Darlehensprogramm am Stern College for Women sowie am Albert Einstein College of Medicine, beide der in ihrem Wohnviertel gelegenen Yeshiva Universität zugehörig, etabliert. In einem handgeschriebenen Brief an die Universität beschrieb sie ihre Beweggründe: Sie selbst habe sich zeitlebens benachteiligt gefühlt, anfangs als vaterloses, mittelloses jüdisches Mädchen und später als alleinstehende berufstätige Frau. Anne Schreiber, die Kinderlose aus ärmlichen Verhältnissen, ermöglichte durch ihre Vermögensstrategie so unzähligen jungen Mädchen den Zugang zu akademischer Bildung und damit die Chance auf Ausübung eines hoch qualifizierten Berufs sowie eine finanziell lohnende Karriere – all das, was ihr im Leben verwehrt geblieben ist.

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