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Kutzers Zwischenruf: Die Inflation der Inflationsraten

Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Durch ihren unerwarteten steilen Anstieg ist die Inflation zusammen mit Rezessionsängsten zum größten Sorgenkind geworden. Und das überall, nicht nur bei uns. Der Teuerungstrend beschäftigt alle Ebenen der Volkswirtschaft – von den Politikern und Ökonomen bis zu den Bürgern. Hierzulande kann es für große Teile der Bevölkerung in der Haushaltskasse eng werden – vor allem durch weiter (zweistellig?) steigende Preise für Energie und Lebensmittel. Und da sich alle täglich damit beschäftigen, wird aus den Veröffentlichungen Zahlenspielerei, die „normale“ Menschen eher verunsichert als aufklärt. Dazu kommt, dass die stark beachteten US-Inflationsraten eine andere Richtung nehmen können als unsere – zumindest vorübergehend. Außerdem verstärken die in kurzen Abständen publizierten ersten und endgültigen Zahlen die negative Stimmung (was ich seit langem beklage) . Das ist allerdings mehr ein Problem der Medien: Wenn die ein paar Tage vor dem Monatsultimo vom Statistischen Bundesamt einstweilige Inflationszahlen bekanntgegeben werden und ein paar Wochen darauf die endgültigen, dann dürfen die in Presse, Funk und Fernsehen nicht gleichbehandelt werden – das verstärkt die Wirkung, obwohl die ersten Daten fast immer von den späteren exakt (!) bestätigt werden. Diesmal kann in der Öffentlichkeit sogar ein (falscher) positiver Effekt entstehen: Unsere Juni-Zahlen waren auf +7,6 % gesunken (nach 7,9 % im Vormonat). Das wurde allgemein registriert. Jetzt kam die endgültige Bestätigung mit dem Ergebnis, dass von Titelseiten der Zeitungen bis zu den TV-Nachrichten nochmal über ein „leichtes Nachgeben der Inflation“ berichtet wurde. Gedämpft wurde der Preisanstieg im Juni übrigens vom Tankrabatt und dem 9-Euro-Ticket. Der Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln beschleunigte sich jedoch auf + 12,7 % im Vergleich zum Vorjahresmonat. Im Mai waren die Preise noch um 11,1 Prozent und im April um 8,6 Prozent gestiegen. Zudem gehen Ökonomen davon aus, dass die Rate der Verteuerung im September – nach dem Auslaufen der Subventionen – nach oben schnellen dürfte.

Beim Blick über den Großen Teich sieht es momentan noch schlimmer aus: Mit 9,1 % stieg die Verbraucherpreisinflation in den USA im Juni auf einen neuen Jahreshöchststand und erreichte damit das höchste Niveau seit November 1981. Analysten hatten vorab nur mit einem Anstieg auf 8,8 % gerechnet, nachdem die Teuerungsrate im Vormonat noch 8,6 % betragen hatte. Kerntreiber blieben die Energiepreise, die um 41,6 Prozent zum Vorjahr zulegten. Die unerwartet hoch ausgefallene Inflationsrate in den USA sorgte kurz für Abverkäufe an den Finanzmärkten. Aktien- und Anleihekurse fielen nach Veröffentlichung der Daten temporär teils deutlich. Dennoch blieb die Reaktion der Wall Street alles in allem erstaunlich gelassen. Ganz frisch sind langfristige weltweite Schätzungen, wie es weitergehen könnte. Für das Jahr 2022 liegt die erwartete Rate bei durchschnittlich 7,7 %. Dies zeigt der neue Economic Experts Survey (EES), eine globale vierteljährliche Umfrage des Ifo-Instituts und des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik, mit Teilnehmenden aus über 100 Ländern. Die Inflation ist weltweit gekommen, um zu bleiben, wird von den Forschern dazu erläutert. Die für das Jahr 2022 erwartete Inflationsrate liegt rund fünf Prozentpunkte über der von der Weltbank ausgewiesenen Rate im letzten Jahrzehnt (2010 bis 2019). Auch für die kommenden Jahre sehen die Teilnehmenden hohe Inflationsraten. Für die abgefragten Jahre 2023 und 2026 erwarten sie Inflationsraten von weltweit durchschnittlich 6,2 Prozent und 4,5 Prozent. Das sind zwar Rückgänge im Vergleich zu den Erwartungen für dieses Jahr, doch würden die Raten damit noch deutlich über der von der Weltbank ausgewiesenen Zahl von 2,7 Prozent im Zeitraum 2010 bis 2019 liegen.

Finden Sie sich damit ab, geschätzte Anleger, dass hohe Inflation auch für die Finanzmärkte ein Dauerthema bleiben dürfte. Laut der neuen Umfrage unterscheiden sich die Erwartungen regional deutlich. Mit über 20 Prozent sind die Raten besonders hoch in Südamerika, Nord- und Ostafrika sowie West- und Zentralasien. Im weltweiten Vergleich niedrige Inflationserwartungen gibt es beispielsweise in Nord- und Mittelamerika und weiten Teilen Europas, wo die erwartete Inflationsrate unter 10 Prozent liegt. Wir erleben also eine Inflation der Inflationsraten, die sich an den Börsen aber unterschiedlich auswirken. Mein Rat: Bleiben Sie cool und reagieren Sie als Anleger nicht hektisch auf überraschende Zahlen, sondern beobachten Sie zunächst einmal, was sich an den Märkten tut – oder nicht tut. Für den Alltag eines Privathaushalts ist wichtiger (als Aktienkurse), wie teuer Gas, Benzin und Brötchen werden.