Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Kutzers Zwischenruf: Selbst 5% US-Inflation sind kein Schock für die Börsen 

Die Verhältnisse in den USA und Europa sind ähnlich, aber nicht in jeder Hinsicht vergleichbar. Ein Sprung der monatlichen Teuerungsrate auf 5,0 Prozent würde bei uns mutmaßlich auch am Kapitalmarkt (tiefe) Spuren hinterlassen – wenn das eine für die Anleger völlig unerwartete Marke wäre. So hat diese lange nicht mehr erlebte Zahl aus Amerika weder an der Wall Street noch hierzulande eine spontane Reaktion ausgelöst. Zum zweiten Mal in Folge sind damit die Spekulationen der Experten deutlich übertroffen worden. Und eine derartige Steigerung hatten die Amerikaner zuletzt im August 2008 hinnehmen müssen.

Es zeichnet sich also auf beiden Seiten des Atlantiks (noch) keine geldpolitische Wende in Form einer schrittweisen Verknappung der Liquidität und steigenden Leitzinsen ab. US-Notenbank und Europäische Zentralbank haben nach wie vor die gleichen Argumente: Konjunkturerholung nur nicht gefährden und nicht zu früh den Hebel umlegen, zumal die Kerninflation noch deutlich niedriger ist. Und hier wie da sind die Währungsverantwortlichen zuversichtlich, dass die Aufwärtsbewegung der Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen und kein neuer Langfrist-Trend ist. Jede Diskussion über einen Ausstieg aus dem Notkaufprogramm PEPP wäre verfrüht, betonte heute die EZB-Präsidentin. Sie ändert also auch kein Stück an ihren milliardenschweren Anleihenkäufen, mit denen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abgemildert werden sollen.

Wir sind noch weit entfernt von unserem Ziel, sagte Lagarde, die glaubt, dass eine ruhige Hand die richtige Entscheidung ist. Solche Worte sind für die Investmentstrategen besonders wichtig, weil sie ständig heraus zu lesen und zu hören versuchen, wie die Verantwortlichen ticken und ob es zumindest leise Hinweise auf die Zukunft gibt. Es sieht erfreulicherweise so aus, als blieben die wichtigsten Projektionen weiter im grünen Bereich: So geht unsere Notenbank für dieses Jahr nun von einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 4,6 Prozent aus. Im März hatten die Währungshüter noch ein Wachstum von 4,0 Prozent vorhergesagt. 2022 wird die Wirtschaft nach der neuesten Vorhersage der EZB um 4,7 Prozent zulegen (März-Prognose: 4,1 Prozent). Auch die parallele Inflationsprognose kann keinen Schrecken verbreiten: Die Teuerung in den 19 Eurostaaten dürfte in diesem Jahr bei 1,9 Prozent liegen. Im März war die Notenbank von einem Anstieg um 1,5 Prozent ausgegangen. Für 2022 rechnen die Währungshüter mit einer jährlichen Preissteigerung von 1,5 Prozent (1,2 Prozent).

Vergessen Sie nicht, geschätzte Anleger, dass solche Zahlen und Prognosen keine wirklich böse Überraschung für die Börsen sind und die herausragende Position der Aktien mangels attraktiver Anlagealternativen nicht gefährden. Was mich stört, ist das Echo aus dem Kreis namhafter Volkswirte, wie beispielsweise die Warnung von ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann: Mit der Fortsetzung der aktuellen Geldpolitik wachsen die Risiken für eine dauerhafte Inflationsdynamik

 

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