Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Kutzers Zwischenruf: Hoch, noch höher, am höchsten 

Wer jetzt auf die Suche nach attraktiven Aktienmärkten geht (das Stockpicking einmal nicht berücksichtigt), wird global denken: Bleibt China die am stärksten wachsende Wirtschaftsmacht, wird sich die Erholung der Vereinigten Staaten unter Joe Biden weiter beschleunigen, kann das zerfledderte Europa im Jahresverlauf stark aufholen? Es geht letztlich um das Wirtschaftswachstum in den ökonomisch führenden Regionen der Welt unter Berücksichtigung von Inflation und Geldpolitik. Wird das in den kommenden Monaten entsprechend (unterschiedlich) auch die rekordverwöhnten Börsen noch weiter nach oben bewegen? Gut möglich, aber nicht sicher! Ich bin davon nicht überzeugt und würde mich auch nicht auf die Prognosen der Analysten verlassen. Alles wird vom Verlauf der Pandemie überschattet und damit vom Erfolg der Corona-Bekämpfung – niemand weiß doch, wie sich das globale Mega-Problem weiterentwickelt.

Aus Anlegersicht sieht es aktuell so aus, als würde gerade uns Europäern vom Ausland Mut gemacht. Nichts dagegen. Nur bleiben bei mir die Zweifel, dass unser Aktienmarkt schon kurz- bis mittelfristig zu einem internationalen Favoriten avanciert. Positiv betrachtet: Für mich bleibt Wall Street die wahrscheinlichste Wette.

Die Strategen der Deutschen Bank kommen zu anderen Antworten auf die Frage „Europa vor Outperformance?“ Die USA stimulieren die Erholung, China arbeitet an den Kapazitätsgrenzen und Europas Wirtschaft sollte im Sommer aufholen, heißt es in einer heute veröffentlichten Betrachtung. Denn die Lockdown-geplagten Volkswirtschaften Europas haben erhebliches Nachholpotenzial, insbesondere im Servicesektor. 75 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung (BIP) gehen auf Dienstleistungen zurück; Reisen und Tourismus stehen für 9,1 Prozent des BIP und für knapp 10 Prozent der Jobs. Die Chancen für eine Verbesserung der Impfsituation stehen besser als gedacht: Laut Schätzungen der Deutschen Bank sollte Europa im zweiten Quartal mit rund 350 Millionen Impfdosen fast zu den USA aufschließen können. Europäische Aktien sind außerdem konjunktursensibler als ihre US-Pendants (48 Prozent versus 33 Prozent) und profitieren daher stärker vom geld- und fiskalpolitisch unterstützten Aufschwung. Die seit zehn Jahren laufende Dominanz der US-Aktienmärkte könnte durch eine verbesserte Performance Europas abnehmen.

Die Stimmungsforscher von Sentix kommen heute zu ähnlichen Ergebnissen und melden einen kräftigen Anstieg der aktuellen Lage – und das weltweit! Im April steigt der Konjunktur-Gesamtindex für Euroland um starke 8,1 Punkte. Dieser Frühindikator erreicht den höchsten Stand seit August 2018. In den neusten Daten fällt die Lagebeurteilung besonders positiv auf – und das weltweit! Einige Wirtschaftsregionen schaffen es dadurch in den Boom-Quadranten. Positiv bleibt, dass sich die Erwartungswerte nicht abschwächen, sondern vielfach sogar zulegen können. Die Konjunkturerwartungen für Euroland markieren ein neues Allzeithoch! Erneut gibt es in vielen Staaten der Eurozone Lockdowns aufgrund der Corona-Eindämmungsmaßnahmen. Die Maßnahmen zeigen jedoch erstaunlich wenig Wirkung auf die gesamtwirtschaftliche Erholung. Hinkte die Wirtschaft Eurolands zuletzt noch deutlich der globalen Tendenz hinterher, so wurde im April eine Aufholjagd gestartet. Die große Lücke zwischen Erwartung und Lage schließt sich langsam, ohne dass die hohen Erwartungswerte nachgeben.

Vielleicht hat Europa tatsächlich das größte Potenzial. Das lässt sich jetzt zwar gut begründen, bleibt dennoch spekulativ. Vergessen Sie nicht, geschätzte Anleger, dass wir mit den USA und China inzwischen zwei überragende Leitmärkte haben – dort wird die Richtung für Wirtschaft und Börsen vorgegeben.

 

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