Kommentar von Hermann Kutzer, ehem. Börsenkorrespondent für das Handelsblatt und “N-TV”

Kutzers Zwischenruf:
Die Börse probiert schon mal 2022

Corona hat mir die Stimmung versaut – der Börse (noch) nicht. In dieser Bandbreite können auch Sie sich bewegen, geschätzte Anleger. Denn wer von der Pandemie Angst bekommt (für sich und seine Mitmenschen), wird fürs erste kaum den Mut zu neuen Engagements am Aktienmarkt aufbringen. Wer hingegen gelassen bleibt, möchte auch weiter mitmachen. Das Virus breitet sich seit einigen Tagen hierzulande und anderswo wieder mit beängstigender Dynamik aus. Diese vierte Welle kommt nicht überraschend. Und trotzdem ist sie nur ein Randereignis für die Anleger – bisher!
 
Die beschäftigen sich lieber mit der monetären Politik der Zentralbanken, die ja mitentscheidend ist für die Hyperliquidität und den jahrelangen Aufwärtstrend des Aktienmarkts. Der bleibt auch im Mittelpunkt, fehlen doch attraktive Alternativen in anderen Anlageklassen. Wann kommt die Zinswende nach oben? fragen sich alle Akteure.
 
Wie von vielen erwartet hat der amerikanische Notenbankpräsident Jerome Powell angekündigt, dass die Federal Reserve noch in diesem Monat damit beginnen wird, ihre Anleihekäufe zu reduzieren. Angesichts der wirtschaftlichen Erholung, vor allem aber aufgrund der zuletzt deutlich gestiegenen Inflationsrate, ist es nach Ansicht der Strategen von M.M. Warburg richtig, den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal zu nehmen, wobei Powell nochmals deutlich gemacht hat, dass die Zentralbank den Prozess des „Taperings“ nur sehr langsam und vorsichtig umsetzen wird. Die angekündigte Vorgehensweise der US-Notenbank ist allerdings nicht unumstritten. Nicht wenige Ökonomen und Marktteilnehmer kritisieren, dass sich die Fed „behind the curve“ befinde und die Inflationsrisiken durch ein zu spätes Gegensteuern weiter anheize.
 
Zahlreiche Profis – vielleicht die Mehrheit – halten es nach wie vor für wahrscheinlich, dass der Preisdruck im nächsten Jahr nachlassen und die Inflation wieder sinken wird, auch wenn es so aussieht, dass die Lieferengpässe ein länger anhaltendes Problem bleiben werden. Allerdings muss man konstatieren, dass die Prognoseunsicherheiten angesichts der Unwägbarkeiten, die die Corona-Pandemie mit sich gebracht hat, größer denn je sind. Immerhin sind in den vergangenen sechs Wochen die Öllagerbestände in den USA deutlich angestiegen, und auch bei den Transportkosten zeichnet sich mittlerweile eine Entspannung ab.
 
Gleichzeitig geht man davon aus, dass die Geldpolitik in der Eurozone und (in etwas geringerem Ausmaß) in den USA expansiv bleiben wird. Dies spricht gegen das Szenario einer nachhaltigen Zinswende. Allerdings sollte man nicht übersehen, dass in diesem Jahr bereits einige Notenbanken die Zinsen erhöht und somit die Geldpolitik gestrafft haben. Insofern lässt sich konstatieren: Die Zinswende hat längst begonnen, auch wenn viele sie noch nicht so richtig wahrnehmen. In all den Stellungnahmen von Analysten und Vermögensverwaltern der vergangenen Tage wird deutlich, dass man jetzt die mittelfristige Brille aufsetzt. Meint Silvia Dall’Angelo von Federated Hermes: „Die Zentralbanken haben sich nun auf eine schrittweise Reise zu einer neuen Normalität begeben, deren Konturen noch nicht klar sind. Die Fortschritte bei der Erholung haben den Beginn der Rücknahme der pandemiebedingten Notfallmaßnahmen gerechtfertigt.“
 
Ist die Fed zu spät oder zu früh dran? Solchen und ähnlichen Fragen stelle ich entgegen: Wer weiß heute schon, was aus der vierten Corona-Welle wird? Wie werden sich Konjunktur und Inflation im neuen Jahr entwickeln? Ja, die Börse nimmt in diesen Tagen ein Stück von 2022 vorweg. Doch traue ich Dow & Dax nicht mehr. Die können statt anhaltender Jahresend-Rally auch im Straßengraben landen.

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