Einmalige Kaufchance!

Gastkommentar von Stefan Riße, Finanzjournalist, Börsenkorrespondent für “n-tv”

Viele Anleger haben den Aktienaufschwung im vergangenen Jahr verpasst. Die wirtschaftliche Lage erschien ihnen 2019 inmitten des Handelskrieges, des ungeklärten Brexit und geopolitischer Unwägbarkeiten so unsicher, dass sie sich nach dem schlechten Aktienjahr 2018 nicht vorstellen konnten, dass die Kurse ein Jahr später schon wieder neue Rekorde erklimmen würden. So wurde die Hausse im vergangenen Jahr wohl zur unbeliebtesten aller Zeiten.

Alle Argumente für Aktien sind nach wie vor in Kraft

Doch warum war 2019 denn so ein gutes Aktienjahr trotz all der politischen Unsicherheit, die angeblich 2018 die Kurse nach unten gedrückt hatte? Die Argumente sind ganz eindeutige. Die Kurse fielen 2018 nicht in erster Linie wegen der Politik aus dem Weißen Haus, sondern wegen der Politik der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (FED). Sie hatte 2018 einen restriktiveren Kurs gefahren. Diesen Kurs verließ sie Anfang 2019 und schaltete auf expansiv um. Damit war der Grundstein für den nächsten Aktienaufschwung gelegt. Dass insbesondere in den USA die Aktien am historischen Kurs/Gewinn-Verhältnis gemessen nicht mehr gerade günstig waren, ist richtig. Doch entscheidend waren und sind die Alternativen. Und die gibt es schlicht nicht mehr. Selbst in den USA ist der zehnjährige Zins zuletzt auf unter ein Prozent gefallen. Das macht den großen Unterschied aus zu Zeiten mit normalen Zinsen um die drei bis fünf Prozent bei langlaufenden Anleihen. Und es lässt noch viel Spielraum für weiter steigende Aktienkurse. Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn eine Aktie mit einer Dividendenrendite von drei Prozent wie beispielsweise eine Nestlé um weitere 50 Prozent steigen würde, dann läge die Dividendenrendite bei zwei Prozent, was aber immer noch weitaus attraktiver wäre als Bundesanleihen mit ihren Minuszinsen, selbst noch als italienische oder eben amerikanische Staatsanleihen mit rund ein Prozent Verzinsung.

Das Coronavirus wird am Ende eine Episode in der bewegten Geschichte der Finanzmärkte sein

Wer aktuell glaubt, dass sich durch den Ausbruch des Coronavirus dieses positive Bild für Aktien komplett geändert hat, der muss von einer neuen Finanzkrise oder einer langanhaltenden Rezession ausgehen, in der die Gewinne der Unternehmen derart einbrechen, dass die Dividenden, die die Aktien heute im Vergleich zu Anleihen günstig aussehen lassen, nicht mehr gezahlt werden. Dieses Szenario erscheint uns jedoch unrealistisch. Ohne Frage, durch die globalisierten Lieferketten und den heute großen Einfluss Chinas auf das Wachstum der Weltwirtschaft ist diese Pandemie in seinen Auswirkungen schärfer als vorherige. Am Ende wird aber auch diese vorübergehen. In China haben die Aktienkurse bereits wieder den Stand vor dem Ausbruch der Corona-Krise erreicht. Das könnte auch das Vorbild für die restlichen Börsen sein. Die Wirtschaft folgt dann mit hoher Wahrscheinlichkeit im zweiten und dritten Quartal mit Nachholeffekten beim Wachstum. Was am Ende bleibt, sind die Lockerungsmaßnahmen der Notenbanken. Längerfristig werden diese wahrscheinlich dafür sorgen, dass die Aktienkurse sogar stärker steigen als sie es ohne die Corona-Krise und den daraufhin folgenden geldpolitischen Maßnahmen wären. Denn seit den 1980er Jahren laufen die Börsen nach diesem Muster. Eine Krise kommt und die Notenbanken bekämpfen sie mit billigerem Geld und Liquidität. Die wirtschaftliche Erholung folgt und ein Teil der Liquidität landet an den Finanzmärkten und sorgt für Vermögenspreisinflation in allen Anlageklassen.

Wer den Aktienaufschwung 2019 bis Anfang 2020 verpasst hat, der hat jetzt die einmalige Chance, doch noch mal tiefer in die Aktien hinein zu kommen. Wer sie nicht nutzt, ist selbst schuld und wird dann möglicherweise wieder in den Tisch beißen, wenn er gezwungen ist, den steigenden Kursen zuzuschauen, weil er sich zu stark hat verunsichern lassen.

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