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Die Notenbanker mit der Abrissbirne – Gastkommentar von Raimund Brichta Börsenreporter n-tv

 

Wer hat Angst vorm Corona-Crash? | Wahre Werte Depot

Gastkommentar von Raimund Brichta Börsenreporter n-tv

Das Finanzsystem steht vor dem Zusammenbruch. Diesmal sind es ausgerechnet die Notenbanken, die den Crash provozieren. Und die Medien spenden Applaus. Unglaublich, aber wahr.

Der Reihe nach: Schon oft habe ich beschrieben, warum unser Geldsystem wie ein baufälliges Haus ist, das einzustürzen droht. Deshalb haben die Notenbanken seit der Finanzkrise vor 14 Jahren massive Stützpfeiler eingezogen, die das Gebäude zusammenhalten. Sie bestehen aus riesigen Mengen an Zentralbankgeld, die seit 2008 in den Bilanzen der Notenbanken aufgetürmt wurden. Dort stehen sie nun wie imposante Säulen.

Nun aber rücken die Notenbanker selbst mit der Abrissbirne an, um die Säulen und damit das gesamte Gebäude zum Einsturz zu bringen. Nichts anderes steckt nämlich hinter ihren Ankündigungen, die aufgeblähten Bilanzen wieder drastisch schrumpfen zu lassen. Damit beschwören sie selbst eine Finanzkrise herauf, die sie eigentlich bekämpfen wollten.

Und viele Menschen applaudieren dazu. Denn nun gilt es nach vorherrschender Meinung, die Inflation zu bekämpfen. Jedes Mittel scheint da recht.

Was die meisten Menschen nicht verstehen: Unser Finanzsystem hält eine solche Bekämpfung nicht mehr aus. Anders war es Anfang der 80er-Jahre, als der legendäre US-Notenbankchef Paul Volcker die damalige Inflation erfolgreich in den Griff bekam. Seither sind 40 Jahre vergangen, und die Finanzwelt hat sich weiter gedreht. Volcker musste nur die Zinsen drastisch erhöhen und einen Wirtschaftsabschwung provozieren. Das war alles. Damals waren die Finanzmärkte noch nicht auf mächtige Geldsäulen in der Notenbankbilanz angewiesen.

Jetzt sind sie es aber. Sie sind sogar richtig abhängig davon. Denn immer wieder beginnt es an ganz unterschiedlichen Stellen im Finanzgebälk zu krachen. So wie neulich, als in Großbritannien wichtige Pensionsfonds ins Wanken gerieten. Dabei sollte man meinen, solche Fonds müssten mit ihrer langfristig ausgerichteten Anlagepolitik eher zu den stabilisierenden Faktoren gehören. Nun sind aber ausgerechnet sie zu einem Herd der Instabilität geworden. Und das hat folgendem Grund:

In den vergangenen Jahrzehnten wurde es für diese Fonds immer schwerer, ihren Pensionären die Renten bis weit in die Zukunft zu garantieren. Die jahrzehntelang fallenden Zinsen knabberten an den Erträgen und zwangen viele Fondsmanager, riskantere Geschäfte einzugehen, weil mit langweiligen Staatsanleihen nicht mehr viel zu verdienen war.

Da kamen ihre schlauen Investmentbeater auf folgende Idee: Wettet doch einfach auf fallenden Zinsen, dann kann euch nichts passieren. Denn wenn die Zinsen tatsächlich fallen, gewinnt ihr mit diesen Wetten das Geld, das euch auf der anderen Seite durch die niedrigeren Zinserträge verloren geht. Und wenn die Zinsen steigen sollten, ist es eben umgekehrt: Dann verliert ihr zwar mit den Wetten Geld, aber diese Verluste werden durch steigenden Zinserträge wieder wettgemacht. Klingt nach einer smarten Strategie, oder?

Solange die Zinsen jahrzehntelang fielen, war das auch kein Problem: Die Fonds strichen schöne Wettgewinne ein, die sie für fallende Zinserträge entschädigten. Aber dieses Jahr ist alles anders: Die Zinsen sind gestiegen, und die Pensionsfonds gerieten mit ihren Wetten ins Minus.

Allerdings konnten sie nicht in Ruhe abwarten, bis ihnen im Lauf der Zeit höhere Zinserträge einen Ausgleich bringen, sondern ihre Wettanbieter forderten als Sicherheit sofort Nachschusszahlungen, so genannte Margins, für die nun in Schieflage geratenen Wetten. Auch das ging noch eine Zeitlang gut, bis den Pensionsfonds langsam das Geld dafür ausging, im Fachjargon die Liquidität. Nun mussten sie sich also hastig Geld beschaffen und dafür Wertpapiere verkaufen, meist Staatsanleihen.

Dummerweise waren die Kurse dieser Staatsanleihen wegen der steigenden Zinsen gerade stark gefallen. Die Fonds waren also gezwungen, hohe Kursverluste zu realisieren, die sie normalwerweise gar nicht hätten realisieren müssen. Denn wenn sie die Anleihen bis zur Fälligkeit halten, bekommen sie dafür das ursprünglich gezahlte Geld zurück, auch wenn der Kurs zwischenzeitlich mal abgerutscht sein sollte.

Um das Ganze noch schlimmer zu machen, führen solche Notverkäufe dazu, dass die Kurse der Staatsanleihen weiter fallen und die Zinsen damit weiter steigen. Die vertrackte Lage verschärft sich. Denn die Zinswetten geraten damit noch mehr in die Verlustzone, was weitere Nachschüsse, weitere Anleiheverkäufe, weitere Kursverluste, und weiter steigende Zinsen zur Folge hat. Ein Teufelskreis.

Und jetzt kommt die Notenbank ins Spiel: Nervös gewordene Pensionsfonds-Aufsichtsräte sollen bei der Bank of England angerufen und diese aufgeschreckt haben. Daraufhin hielten die Notenbanker ihre Abrissbirne still, die sie eigentlich schon in Stellung gebracht hatten. Statt – wie angekündigt – selbst Staatsanleihen abzubauen und das Problem damit weiter zu verschärfen, kaufte die Notenbank sogar wieder Staatsanleihen. Die Märkte waren vorläufig beruhigt.

Aber die Krise ist damit nicht abgewendet. Denn das Grundproblem scheint die Bank of England noch nicht verstanden zu haben. Sie will – zumindest sagt sie das offiziell – ihre Abrissbirne in Stellung halten und nun einfach etwas später zum Einsatz bringen.

Die jüngsten Ereignisse auf der Insel sind nur ein Beispiel dafür, wie es generell um unser Finanzsystem bestellt ist. Wo der Stress genau zutage tritt, lässt sich im Vorhinein zwar nicht sagen. Aber dass er irgendwo zum Vorschein kommt, ist so gut wie sicher. Das gilt auch für die USA, das Mutterland des Kapitalismus, wo solche Wetten in der Regel sogar erfunden werden.

Dort zeigt sich Jerome Powell, der amerikanische Notenbankchef, momentan zwar noch unbeeindruckt: Er lässt seinen „wrecking ball“ bereits schwingen und hat damit die ersten Milliarden aus den Stützen seines Finanzsystems schon herausgeschlagen. Solange er so weiter macht, rückt die nächste Finanzkrise näher. Denn je weniger Halt das Finanzgebäude hat, desto eher fängt es irgendwo an zu krachen.

Und sollte sich die Krise tatsächlich entfalten, könnte es diesmal sogar die letzte sein, die das Finanzsystem zum Einsturz bringt. Ich glaube jedoch nicht, dass Powell & Kollegen im Nachhinein dafür als Schuldige gebrandmarkt werden wollen. Deshalb erwarte ich, dass Powell an einem bestimmten Punkt einknickt und seine Abrisstruppe zurückpfeift. Wetten, dass …?